Text: Thomas Hecken
Die Verbindung von Pop Art und Popmusik, von kultureller Rebellion und Rockmusik, von Sexualität und Wohlstand, von Normverletzung und Marketing bestimmt die Jahre von 1964 bis 1974 – und damit bestimmt dieses Jahrzehnt auch unsere Zeit.
» Unsere Zeit « – das heißt in erster Linie: das Leben der liberalen Freiberufler und hedonistischen Szenegänger, der Künstler und Kreativen. Weil die Grenzen zwischen Hochkultur und Pop, zwischen Design und autonomer Kunst, zwischen Nonkonformismus und Fun damals erfolgreich und spektakulär übertreten wurden, sind diese Jahre unsere Jahre. Deshalb geht es um mehr als einen kurzfristigen Retrochic. Der Hype ist auf Dauer gestellt.
»Everything new, inhibited, kinky is blooming at the top of London life«, so lautet ein Kernsatz aus dem berühmten Artikel der Time über Swinging London aus dem April 1966. Gefeiert wird » a new art of living – eccentric, bohemian, simple and gay«. Das ist aber nicht alles. Der Grundton dieser bunten Oberfläche lautet auch für die Mainstream - Medien demokratischer Wandel, lautet new society, Bruch mit der alten snobistischen Oberschicht. Pop culture ist für Time eine Kultur liberated by affluence, charakterisiert durch verringerte Schranken zwischen den sozialen Klassen. An die Stelle des alten Tory-Liberal Establishments, der Oxbridge - Absolventen träte nun eine überraschende neue Führungsschicht, eine swinging meritocracy aus Schauspielern, Sängern, Werbeleuten, TV - Verantwortlichen, Schreibern, Fotografen und nicht - elitären Akademikern. Die meisten von ihnen zeichne aus, dass sie jung seien und dem britischen Kleinbürgertum oder der Arbeiterklasse entstammten. Sogar der Begründer der englischen Cultural Studies, der Sozialist Hoggart, lässt sich von Time mit einem euphorischen Satz zitieren: »Says Sociologist Richard Hoggart, 47, himself a slum orphan from industrial Leeds: ›A new group of people is emerging into society, creating a kind of classlessness and a verve which has not been seen before‹«.
Jenseits des Atlantiks stellt Tom Wolfe mit ähnlichem Tenor fest, dass sich die amerikanische High Society zur antipuritanischen Pop Society gewandelt habe, nun ausgerichtet an vormals gänzlich diskreditierten Gruppen und Berufen wie den Teenagern, den Fotografen, den Unterhaltungsstars und subkulturellen Bohemiens. Auch Teile des internationalen Jetsets finden schnell den Weg von Maria Callas zu Mick Jagger und stören sich nicht daran, dass Brigitte Bardot mit dem kulturrevolutionären Avantgardisten Jean - Luc Godard dreht. Im Gegenteil, das alles wird zum Anlass genommen, den eigenen Reichtum lässiger, sexualisierter und intimer auszustellen als zuvor. Noch der Arroganz und dem Luxus des alten Geldadels und der mit ihnen verbundenen neuen ( neureichen ) Popstars kann darum im historischen Moment das Versprechen auf allgemeinen Wohlstand abgelesen werden – auf materielle wie sexuelle Befriedigungen. Das Versprechen freilich hat getrogen, war bloße Illusion. Zur Liberalisierung der Umgangsformen und der erotischen Sitten haben diese Kreise zwar einiges beigetragen, aber überhaupt nichts zu einer › Liberalisierung des Reichtums ‹ – und von ihrer Macht, ihrem luxuriösem Reichtum, ihrem Erbe wollen sie bis heute rein gar nichts abgeben. Deshalb ist allerdings ein Hype notwendig, um die vergangenen Bilder nicht schal zu finden, sondern nur als leider vergangenen Glamour zu genießen.
Thomas Hecken vertritt eine Professur für Literaturwissenschaft
an der Universität Siegen. Zu seinen letzten Buchveröffentlichungen zählen
»Pop. Geschichte eines Konzepts 1955–2009« und
»Das Versagen der Intellektuellen. Eine Verteidigung des Konsums
gegen seine deutschen Verächter«.