CONTAINER

WARUM DER HYPE?

Eine Box und viele Meinungen. Theoretiker und Praktiker unterschiedlichster Disziplinen äußern sich zum Container und geben ihm dabei die fantastischsten Namen: TEU, Stahlkiste, Kapsel, Zelle, Tresor, Modul, Medium, Steuerungseinheit, Code, Metapher, Kokon, Koan …

New York, USA © 2011 Google - Imagery © 2011 DigitalGlobe, GeoEye, Bluesky, Sanborn, USDA Farm Service Agency, TerraMetrics, Map Data © 2011 Google

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THE KOAN
Adam Kalkin

In Zen Buddhism, a monk is given a kōan to intensify his meditation. A Zen Master has said that the kōan  “is like swal­­low­­ing a red-hot iron ball.  You try to vomit it out, but you can’t.”  For me,­ the container is that red-hot fire ball.

The buildings that ADAM KALKIN makes embody the paradoxes and ambiguities that are more often the domain of the art object than of the domestic environment. By using prefabricated metal Butler buildings, shipping containers, jetways, urban detritus, dirt and plastics, he introduces an emotional ambiguity into an area of architecture that has long conformed to a limited set of effects. Neither conventional notions of comfort nor specific usage is encoded in the materials he uses or in the spaces he creates. Kalkin fuses building, performance, conceptual art, kinetic construction, commerce and play into an eidetic whole. His art is characterized by an inventive, high and low tech, mechanized absurdity, informed by a handful of obsessions.

Singapur, Singapur © 2011 Google - Imagery © 2011 TerraMetrics, Map Data © 2011 GMS, MapIT, Tele Atlas

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MASSE IN BEWEGUNG
Dr. Erik Lindner

Der größte Teil von ihnen ist ständig in Bewegung, auf Schiffen, Zügen und Lastwagen. An die 20 Millionen Container mag es weltweit geben. Vor 55 Jahren wurde die Stahlkiste in den USA erfunden. Genormt auf 20 Fuß Länge, 8 Fuß Breite und 8,6 Fuß Höhe, damit sie problemlos auf LKW und durch Straßentunnel passte, hat sie nicht allein die Logistikbranche revolutioniert. Ohne sie gäbe es den effizienten und wachsenden Welthandel gar nicht! Warum? Weil der praktische, robuste Container die Her­ausbildung der globalen, arbeitsteiligen Produktion ermöglicht hat. Und weil darin alles transportiert werden kann, seien es Billigtextilien oder Produktkomponenten, Weine oder Waffen, Rinderhälften oder Chemikalien … Alles, was reinpasst, nach Bedarf gestapelt, gekühlt, gefroren, gesichert.
Weltweit sind bald 5 000 Containerschiffe unterwegs, um immense Lasten zu transportieren. Wenn die Zeiten gut sind und der Treibstoff billig, dann fahren die großen Pötte auf der Rennstrecke Ostasien-Westeuropa mit über 25 Knoten! Das war früher die Geschwindigkeit schlanker Kriegsschiffe. Die Frachter haben dabei in bis zu 15 000 Containern Güter an Bord, deren Wert viele hundert Millionen Dollar betragen kann. In den Häfen von Singapur, Dubai, Rotterdam oder Hamburg sind mitunter milliardenschwere Werte kumuliert, was wiederum die Versicherungsbranche beschäftigt.
In Deutschland arbeiten Zehntausende für die Container - Wirtschaft, etwa bei Reedereien, Frachtagenturen, Speditionen, Bahn­en, Hafenbetrieben und spezialisierten Finanzdienstleistern, die an der Geldeinwerbung der bis zu 160 Millionen Dollar kostenden Schiffe mitwirken. Vom ölverschmierten Maschinisten bis hin zum alerten Fondsmanager sind sie alle in ein nervenzehrendes Geschäft eingebunden.
In Hamburg sitzen die wichtigsten deutschen Reeder der Containerschifffahrt, die weltweit nicht von Aktiengesellschaften, sondern von wenigen autokratischen Herren dominiert wird. An der Elbe bekommt man zu hören, einen großen Teil des eigenen Wohlstands verdanke man China – weil der Export dieses Landes vielfach auf Schiffen abläuft, die deutsche Eigner haben. Schließlich ist ein Drittel der weltweiten Containerschiffsflotte in deutscher Hand. Während die Chinesen zum Exportweltmeister aufstiegen, haben die Deutschen den Status des Transportweltmeisters erlangt. Daran lässt sich exzellent verdienen, etwa wenn der weihnachtliche Konsumbedarf im Spätsommer aus Ostasien verfrachtet wird und die Konjunktur allgemein brummt. Wenn sie hakt, wie während der Finanzkrise von 2008  /  09, dann stürzt auch das volatile Containergeschäft in tiefste Jamme­rtäler.
Jede größere Krise, ob wirtschaftlich, politisch oder psychologisch, beeinträchtigt den containergestützten Handel. Hinzu kommen die normalen Unwägbarkeiten wie Konjunkturzyklen, Ölpreis - und Dollarkursschwankungen oder Naturkatastrophen. Nur gelegentlich gibt es aufsehenerregende Unfälle mit Containern. Jüngst etwa, als der Tsunami Japans Ostküste traf, stürzten in einem Hafen haushoch gestapelte Container zu einem chaotischen Haufen zusammen. Aus der Luft betrachtet wirkte das wie ein ausgekippter Eimer Lego  - Steine. Dies schien, neben den anderen schreckensreichen Bildern aus Japan, ein Menetekel zu sein.
Container haben streng vertikale und horizontale Linien. Stürzen sie um, oder gehen sie im Sturm über Bord, versinken sie gar einmal im Rhein, dann ist etwas aus den Fugen geraten. Lastet die Last des Containers wie er soll und ist er wie gewohnt in Bewegung, scheint unsere Welt in Ordnung. Von daher betrachtet birgt die allgegenwärtige Transportkiste mehr als nur ihren Inhalt. Sie ist ein Indikator des Zustands unserer Welt.

DR. ERIC LINDER, Geschäftsführer im Stiftungswesen, verfasst Wirtschaftsbücher wie „Die Herren der Container. Deutschlands Reeder-Elite“ ( 2008 ) und „Coaching - Wahn. Wie wir uns hemmungslos optimieren lassen“ ( 2011 )

Kuwait Stadt, Kuwait © 2011 Google - Imagery © 2011 DigitalGlobe, Cnes/Spot Image, GeoEye,TerraMetrics

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WIR NENNEN ES TRESOR
Oliver Hasemann
Daniel Schnier

Der Blick fällt über eine wüste Fläche. Rare Pioniervegetation rankt zwischen alten Bahnschwellen und gibt einen Anschein von Leben. Ansonsten fehlt es hier an allem. Die Brache ist ein Ort ohne Ausstattung. Ihr Besucher strei­cht über die Fläche, staunt über ihre Ausdehnung inmitten der städtischen Infrastruktur und schwindet wieder, ohne auf ihr verweilen zu können. Eine Insel, die sich hier auf Zeit inmitten der Stadt gebildet hat.
Züge passieren sie beständig, tragen ihre Fracht zu den nahegelegenen Häfen. Auf ihnen immer wieder Container. Container in allen Farben und aus aller Welt. Gefüllt mit den Produkten des globalen Warenstroms. Auf diesem Areal sind sie Teil der Kulisse und weisen auf den temporären Charakter dieses Ortes. Gerade noch stauten sich auch hier die Züge, wurden Waren verladen und verschickt, und heute schon ziehen sie auf neuen Strecken vorbei.
Zurück bleibt eine Wüstenei, in der ausgerechnet ein einzelner Container den Ausgangspunkt für ihre temporäre Besiedlung bildet. Im wesentlichen ist er eine große, leere, ver­­schließ­bare Kiste. In seinem Inneren lassen sich Werkzeuge, Getränke und Materialien lagern, in seinem Schatten unter abgespannten Planen Sonnenschutz finden. In der Weite der Fläche bildet er einen Fixpunkt, der den Blick des Besuchers anzieht.
Auf der Brache bildet der Container gleichsam die Oase für alle weiteren Projekte, die um ihn herum sprießen. Mit seinem Aufschließen am Morgen beginnt das Leben auf der Brache sich zu rühren und mit seinem Schließen am Abend kommt es zur Ruhe. Dazwischen steht er am Tag im Zentrum aller Aktivitäten, um dann über Nacht einer Höhle ähnlich eine sichere Zuflucht zu bieten, die ihre Schätze vor der Dunkelheit und ihren Unbillen schützt.
Als optisches Element bleibt er allerdings immer eine Kiste. Ob man nun neben oder hinter ihm steht, in ihm oder auch auf ihm sitzt, das Pure, Metallische bleibt ihm eigen. Muss ihm vielleicht auch eigen bleiben. Selbst der nächtliche Versuch, ihm mit Graffiti entgegenzutreten, endet fruchtlos. Der Charakter des Containers lässt sich nicht verändern, sein Anstrich, aufgetragen um jahrelangen Transporten über die salzige See zu widerstehen, trotzt der Farbe aus der Dose.
Wir nennen den Container Tresor. Er ist für uns unverzichtbar, ist unser Büro, Lager, Labor, Wohnzimmer, Kühlschrank, ja, manchmal sogar unsere Schlafstätte. Am Tage wird er zum mobilen Büro und zur Ausgabestelle der Organisation, bei Regen wird er zum Schutzraum und Treffpunkt, in den frühen Abendstunden wird sein Inneres zur Projektionsfläche für Filme und wenn kühle Winde über die weite Fläche wehen, verwandelt er sich in ein geschütztes Café, in dem es sich diskutieren und verweilen lässt. Seine Position als Dreh- und Angelpunkt in unseren Projekten nimmt er auf Zeit ein. Nach Ablauf des Projekts wird er wieder in die übliche Containerrotation eingespeist und passiert die Brache wieder auf einem der Züge.

Das Autonome Architektur Atelier versteht sich als ortskundiger Wegbereiter, der Prozesse der Stadtentwicklung veranschaulicht und eine Beziehung zwischen Mensch und Raum herstellt. Es hilft die Stadt zu lesen, die urbanen Kontraste zu erkennen und zu schätzen. Als Begleiter vermittelt es Stadterlebnisse und eröffnet urbane Experimentierfelder. AAA konzentriert sich in seiner Arbeit auf Orte im Stadtgebiet, die in ihrer Wahrnehmung und Nutzung aus dem üblichen Kontext herausfallen. Mit Methoden der Inszenierung und Bespielung verleiht es diesen eine temporär neue Bedeutung und rückt sie wieder in die öffentliche Beachtung der Bewohner.

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VON NOBUDGET
TO HIGHBUDGET
 Han Slawik

Architektur mit Containern begann für mich vor genau 25 Jahren mit einer Wettbewerbsteilnahme in Almere: „Tijdelijk wonen“ ( Temporäres Wohnen ) – ein Haus für fünf Jahre sollte entworfen werden. Ich hatte den Entwurf mit dem Motto „Campus“ für ein vollständig demontables und auch remontables Haus aus Seecontainern eingereicht und bin für die Realisierung dieser Idee ausgewählt worden. Im Rückblick wird dieses als das erste Stahlcontainerhaus (zumindest) in Europa angesehen.
Frachtcontainer (oft als Seecontainer bezeichnet ) sind enorm stabil und können hohe Lasten aufnehmen: Ein 20 Fuß-Stahlcontainer wiegt 2,4 Tonnen, kann mit 24 Tonnen beladen und dann bis zu acht mal gestapelt werden.
Für die Verwendung als Gebäude gibt es eine große Lastreserve. Einerseits sind die Container sehr raffiniert und materialminimiert entworfen und konstruiert, andererseits aber statisch auch ausgereizt und empfindlich, was die Eingriffe angeht.
Darüber hinaus sind sie wegen der Massenproduktion kostengünstig zu haben: Ein neuer 20 Fuß-Container kostet derzeit 2.500 Euro, ein guter gebrauchter etwa die Hälfte. Dafür bietet er 15 m² Fläche – das sind 170 Euro pro m² Rohbau mit wettergeschützter Hülle. Im Vergleich zur konventionellen Bauweise ist das unschlagbar.
Noch vor der Jahrhundertwende wurde mir dann die Aufgabe angetragen, ein einfaches temporäres Gebäude als Schutzraum für Straßenkinder in Hannover zu entwickeln – natürlich „Lowbudget“, eigentlich „Nobudget“. Auch dieses Gebäude – „bed by night“ – zog wieder viel Aufmerksamkeit in Form von Publikationen, Filmen und vielen Besuchern auf sich.
Ungefähr zeitgleich mit der Fertigstellung 2002 gab es einen wahren Boom an Containerbauten. Architekten haben den Container als Baustein für eine eigene unverwechselbare Architektur entdeckt.
Ursprünglich für temporäre und kostensparende Bauten verwendet, entwerfen nun Architekten mit Frachtcontainern auffallend spektakuläre Bauten – sehr außenwirksam verleihen sie damit dem Gebäude das Image der „weit­gereisten, weltläufigen Containerbox“: international, mobil, temporär, un­­kon­­ventionell, ungewöhnlich und wagemutig – das Gegenteil der „bürgerlichen Baukunst“.
Oft in der Eventarchitektur zu finden, sind sie aber nicht mehr „Low-“‚ sondern vielmehr „Highbudget“. Diese verhältnismäßig seltenen Objekte haben dann erst den Hype der Containerarchitektur ausgelöst.
Während die wirklich kostengünstigen, aber meistens unscheinbaren Anlagen aus Containermodulen sich den konstruktiven Randbedingungen unterwerfen und damit aufgrund der vollständigen Wiederverwendungs- und Umnutzungsmöglichkeiten äußerst nachhaltig sind, tritt bei den spektakulären Projekten das containergerechte Entwerfen und Konstruieren in den Hintergrund. Die restriktiven Abmessungen eines Containers ( abgeleitet von den zulässigen Maßen der Straßenverkehrsordnungen ) erfordern für großzügige und flexible Räume mitunter kostenträchtige Eingriffe in die Konstruktion. Diese Kosten werden bei der spektakulären Eventarchitektur billigend in Kauf genommen. Das ist es den Auftraggebern einfach wert, denn damit werden Unverwechselbarkeit, Einmaligkeit und Werbewirksamkeit garantiert – deswegen der Hype, der sicher noch eine Weile anhalten wird, bevor auch die Containerarchitektur sich abnutzt und eine Pause einlegt. Sicher wird sie von Zeit zu Zeit wieder aufflammen, vor allem wenn neue Containertypen auf den Markt kommen. Die Tendenz geht nämlich hin zu größeren Maßen: höhere ( Highcube ), breitere ( 2,50 m) und längere ( 45 Fuß  ) Container sind schon auf dem Markt und warten auf den Masseneinsatz – und wohl auch auf die Architekten …

Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Arch. HAN SLAWIK leitet zwei Architekturstudios in Amsterdam und Hannover,
ist Gründer und Leiter des Lehrstuhls für “Experimentelles Entwerfen und Konstruieren” an der Leibniz Universität Hannover, Verfasser zahlreicher in- und ausländischer Veröffentlichungen und hält regelmäßig Vorträge zur Containerarchitektur und zum modularen Bauen. Er ist Träger vieler Auszeichnungen und Preise und hat u.a. 2004 an der neunten internationalen Architektur-Biennale in Venedig mit dem Projekt „bed by night“ teilgenommen.

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CONTAINER UND ARCHITEKTURGESCHICHTE
Walter Seitter

Gehören die Container überhaupt zur Architektur? Anscheinend ja, denn als „Ersatzgebäude“ sind sie seit wenigen Jahrzehnten omnipräsent, näherhin sogar als „Bauhütten“ dort, wo echte Gebäude errichtet werden. Und neuerdings arbeiten avantgardistische Architekten bewusst und spielerisch mit echten oder nachgemachten Containern.
Auf einer viel grundlegenderen Ebene hat der Container mit der Architektur des 20./21. Jahrhunderts sehr viel, sozusagen alles, zu tun. Denn sie wird von zwei elementaren Prototypen geprägt, die man zunächst ausein­anderhalten muss: von der allseitig gleichmäßig abgeschlossenen Kapsel und von dem Zellenbau. Die Kapsel ist eine typische Bauweise für moderne Hochgeschwindigkeitsfahrzeuge ( Flugzeug, Auto, Rakete ) und ihr Vorläufer kann in Nicolas Ledoux’ „Kugelhaus“ aus dem späten 18. Jahrhundert gesehen werden. Der Zellenbau hingegen umfasst das schrankenlose Aneinanderfügen, Stapeln und Wiederholen vorgefertigter Bauelemente, haupt­sächlich Quadern, die zu beliebig kleinen oder großen, so oder so ge­formten Meta-Quadern zusammen­gefügt werden können. Beide Prototypen sind am Anfang des 20.  Jahrhunderts etwa von Le Corbusier propagiert worden, auch mit ökonomischen oder sozialpolitischen Argumenten für das „industrielle“ Bauen, die vor allem für den Zellenbau sprechen. Dessen technische Vorläufer kann man im eng­lischen Glasbau und im amerikanischen Stahlskelettbau des 19. Jahrhunderts sehen. Tendiert die Kapsel zum eigenwillig geformten, elitären Gebilde, so der Zellenbau zur massenhaften und daher auch „billigen“ Agglomeration.
Ein berühmtes Beispiel für Zellenbau sind die beiden völlig gleichförmigen, in sich überhaupt nicht gegliederten, rein orthogonalen Quader des New Yorker World Trade Center, die von zwei selbstmordattentäterischen Hochgeschwindigkeitskapseln getroffen und zerstört worden sind.
Und der Container? Seine Genialität besteht darin, dass er diese beiden Prototypen in sich vereinigt: den endlos und fugenlos erweiterbaren Zellenbau und die Kapsel, die sich durch „self-containing“ auszeichnet: im Unterschied zu einem Haus kann man den Container von oben packen und irgendwohin hieven, ohne dass er auseinander fällt. Wie eine Kiste oder Dose oder einen Sack. Seine Transportierbarkeit gehört zu seinem Wesen und setzt das genannte „self - containing“ voraus, obwohl – oder gerade weil – er aus dem Transportwesen stammt und nicht aus dem Bauwesen. Doch was besagt das für die moderne Architektur?

WALTER SEITTER hat in Salzburg, München und Paris studiert, unter anderem bei Hans Sedlmayr, Jacques Lacan, Michel Foucault. Er lehrte in Aachen und Wien, wo er jetzt die Hermesgruppe leitet
( www.hermesgruppe.blogspot.com ). Publikationen in Richtung Architektur: „Physik des Daseins. Bausteine zu einer Philosophie der Erscheinungen“ (Wien 1997 ); „Physik der Medien. Materialien, Apparate, Präsentationen“ (Weimar 2002 ); „Reaktionäre Romanik. Stilwandel und Geopolitik“ ( Wien 2012 ).

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CONTAINERREVOLUTION
Jure Kotnik

Die Con­tain­er­ar­chi­tek­­­tur ist eine der jüngsten Zweige der Architektur. In den letzten Jahren stößt sie immer mehr auf breite mediale Beachtung, was sie für Architekten und Kunden gleichermaßen interessant gemacht hat. Und während die Containerarchitektur boomt, rückt ihr Ereignischarakter zunehmend in den Hintergrund und sie etabliert sich als legitimes Gebiet der Architektur.
Gemeinsamer Nenner aller Containerarchitekturprojekte ist der Standard-ISO-Container. Doch trotz der gleichen Ausgangsbasis verfallen die Containerprojekte keiner Monotonie. Man kann alles mit ihnen bauen. Sie bedienen jeden Zweig der Architektur: temporäre Konstruktionen, öffent­liche Bauten und Räume, Wohnsiedlungen und alles da­zwi­schen.
Container reisen um die ganze Welt und stapeln sich in Häfen zu Vierteln zusammen. Die assoziative Verbindung zur Architektur ist offensichtlich. Und so war es unvermeidlich, dass Architekten schließlich das makellose System gi­­g­an­tischer Legosteine für sich nutzen würden. Sie haben lange Zeit versucht effiziente Architektur zu schaffen, die einfach zu transportieren, modular, vorgefertigt und massenproduziert ist. Doch alle Versuche scheiterten. Entweder waren die Ideen für ihre Zeit zu revolutionär oder sie waren nur kleinen Gruppen vorbehalten, in beiden Fällen also nicht massenproduzierbar, was die Kosten in die Höhe schnellen ließ. Die Tatsache, dass Container primär im Transportwesen gebraucht werden und sie somit den Architekten unbeschränkt zur Verfügung stehen, ist ein entscheidender Aspekt der Containerarchitektur. Es gibt keinen Bedarf ein neues Herstellungssystem zu generieren, da das bereits existierende alle nötigen Vorteile bietet.
Container haben alle Eigenschaften, die sie für die Architektur zu geeigneten Mitteln machen. Da sie mit fast jedem Transportsystem kompatibel sind, sind sie überall auf der Welt erhältlich. Sie sind robust und widerstandsfähig und gleichzeitig langlebig und stapelbar. In Zeiten erhöhten Umweltbewusstseins ist ein weiterer Vorteil von Containern, dass sie größtenteils recyclebar und wiederverwendbar sind. Hinzu kommt, dass bei der Konstruktion von Containergebäuden der Bedarf an anderen Materialien signifikant sinkt. All das lässt die Containerarchitektur mit dem 3 R Design übereinstimmen: reuse, recycle, reduce. Nachdem die nützlichen Eigenschaften der Containerarchitektur vollständig anerkannt worden waren, sprachen Container immer mehr Architekten wie Kunden an. Die mediale Berichterstattung verhalf der Containerarchitektur regelrecht zu einem Hype. Aber auch wenn man Medien und Trends beiseite räumt, gibt es sowohl konzeptionell als auch ästhetisch überraschend viel hochwertige Architektur aus Containern. Unter den realisierten Containerprojekten finden sich beachtliche architektonische Errungenschaften, die zahlreiche international renommierte Preise gewonnen haben. Es ist daher nicht überraschend, dass eine Reihe von Architekten sich auf Containerarchitektur spezialisiert hat, von jungen Nachwuchsarchitekten bis hin zu den Superstars der Architektur wie Shigeru Ban, Jean Nouvel, Will Aslop und anderen.
Die Vielfältigkeit der Projekte zeigt, wie eine metallene Box sich verwandeln kann, von einem Kokon zu einem Schmetterling – die hohe Qualität der Containerarchitektur unterstreicht bloß, dass es nicht darauf ankommt, womit man baut, sondern wie. Da die Containerarchitektur als Teil einer Architekturevolution gesehen werden muss, bildet sie nicht nur einen vorübergehenden Trend, sondern ist gekommen, um zu bleiben.

JURE KOTNIK ist Architekt und Herausgeber. Er lebt und arbeitet zwischen Ljubljana und Paris. Kontik konzipierte das ConHouse
 ( www.conhouse.com ), ein Wohncontainersystem und realisierte zahlreiche weitere Containerarchitekturprojekte, die große mediale Aufmerksamkeit auf sich zogen, beispielsweise Weekend House 2 +, einen mobilen Leuchtturm in Paris und den temporären Kindergarten Ajda. Für seine Forschung im Bereich der Containerarchitektur wurde er 2006 mit dem internationalen Trimo Forschungspreis ausgezeichnet. Er ist Verfasser der ersten Containerarchitekturmonographie ( Links, 2008 ), die in fünf Sprachen übersetzt wurde. Des Weiteren ist er Kurator der ersten Wanderausstellung zur Container­architektur.

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DAS PRINZIP DER MODOLARITÄT
Jack in the box

Der Blick fällt über eine wüste Fläche. Rare Pioniervegetation rankt zwischen alten Bahnschwellen und gibt einen Anschein von Leben. Ansonsten fehlt es hier an allem. Die Brache ist ein Ort ohne Ausstattung. Ihr Besucher strei­cht über die Fläche, staunt über ihre Ausdehnung inmitten der städtischen Infrastruktur und schwindet wieder, ohne auf ihr verweilen zu können. Eine Insel, die sich hier auf Zeit inmitten der Stadt gebildet hat.
Züge passieren sie beständig, tragen ihre Fracht zu den nahegelegenen Häfen. Auf ihnen immer wieder Container. Container in allen Farben und aus aller Welt. Gefüllt mit den Produkten des globalen Warenstroms. Auf diesem Areal sind sie Teil der Kulisse und weisen auf den temporären Charakter dieses Ortes. Gerade noch stauten sich auch hier die Züge, wurden Waren verladen und verschickt, und heute schon ziehen sie auf neuen Strecken vorbei.
Zurück bleibt eine Wüstenei, in der ausgerechnet ein einzelner Container den Ausgangspunkt für ihre temporäre Besiedlung bildet. Im wesentlichen ist er eine große, leere, ver­­schließ­bare Kiste. In seinem Inneren lassen sich Werkzeuge, Getränke und Materialien lagern, in seinem Schatten unter abgespannten Planen Sonnenschutz finden. In der Weite der Fläche bildet er einen Fixpunkt, der den Blick des Besuchers anzieht.
Auf der Brache bildet der Container gleichsam die Oase für alle weiteren Projekte, die um ihn herum sprießen. Mit seinem Aufschließen am Morgen beginnt das Leben auf der Brache sich zu rühren und mit seinem Schließen am Abend kommt es zur Ruhe. Dazwischen steht er am Tag im Zentrum aller Aktivitäten, um dann über Nacht einer Höhle ähnlich eine sichere Zuflucht zu bieten, die ihre Schätze vor der Dunkelheit und ihren Unbillen schützt.
Als optisches Element bleibt er allerdings immer eine Kiste. Ob man nun neben oder hinter ihm steht, in ihm oder auch auf ihm sitzt, das Pure, Metallische bleibt ihm eigen. Muss ihm vielleicht auch eigen bleiben. Selbst der nächtliche Versuch, ihm mit Graffiti entgegenzutreten, endet fruchtlos. Der Charakter des Containers lässt sich nicht verändern, sein Anstrich, aufgetragen um jahrelangen Transporten über die salzige See zu widerstehen, trotzt der Farbe aus der Dose.
Wir nennen den Container Tresor. Er ist für uns unverzichtbar, ist unser Büro, Lager, Labor, Wohnzimmer, Kühlschrank, ja, manchmal sogar unsere Schlafstätte. Am Tage wird er zum mobilen Büro und zur Ausgabestelle der Organisation, bei Regen wird er zum Schutzraum und Treffpunkt, in den frühen Abendstunden wird sein Inneres zur Projektionsfläche für Filme und wenn kühle Winde über die weite Fläche wehen, verwandelt er sich in ein geschütztes Café, in dem es sich diskutieren und verweilen lässt. Seine Position als Dreh- und Angelpunkt in unseren Projekten nimmt er auf Zeit ein. Nach Ablauf des Projekts wird er wieder in die übliche Containerrotation eingespeist und passiert die Brache wieder auf einem der Züge.

JACK IN THE BOX e.V.,  Architektur- und Baubetrieb, Spezialisierung auf Bauten aus Highcube-Seecontainern; Kulturveranstalter und Kulturstandort; Herstellung von Möbeln und Objekten nach dem Upcyclingprinzip; Entwicklung innovativer Modelle der Arbeitsförderung in Köln-Ehrenfeld seit 2006.
MARTIN SCHMITTSEIFER, Diplom - Sozialarbeiter, geschäftsführender Vorstand von JACK IN THE BOX e.V., selbständiger Coach und Projektentwickler.

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LEAVING REALITY BEHIND
etoy.CORPORATION

Für etoy sind standardisierte Transportcontainer seit 1998 integraler Bestandteil der künstlerischen Arbeit, weil sie wie kein anderes physisches Objekt auf mehreren Ebenen verkörpern, was etoy interessiert:
1. Die Logik, das Wesen und die Auswirkungen des Internets. Nachdem etoy im Jahr 1994 mit dem Slogan „leaving reality behind” angetreten ist, hat die Kunstgruppe nach diversen Experimenten und anfänglichen Erfolgen im Internet eine erste Rückreise in die harte Realität unternommen. Acht Tonnen Stahl begannen für die etoy.CORPORATION die Welt zu umrunden.
1998  La Jolla/San Diego  San Francisco  Rotterdam Rueschlikon  Basel  Rotterdam  Manhattan/New York  New Jersey  Rotterdam  Basel  Niederglatt  Rotterdam Tokyo  Rotterdam  Frenkendorf  Turin  Zürich  Madrid  Basel  Amsterdam  Zürich  Erlen  Berlin  Frenkendorf  Zürich  Oakland  San Jose  Black Rock Desert/Nevada  2006  Bozen  2008  Beijing  2008  Bern  2009  Heiligkreuz  Linz  Zürich   2010  Busan  Gwangju  2011  Zürich.
So gesehen ist der Container als Objekt gleichzeitig Metapher wie auch Gegenstück zum virtuellen Datenverkehr.
2. Infrastrukturtechnisch aber auch kult­urell sind shipping container Rückgrat und Symbol der Globalisierung: sie ist ohne Internet und Intermodalcontainer nicht denkbar.
3. Künstlerisch/inhaltlich arbeitet etoy seit den Anfängen an einer cor­po­rate sculpture. Firmen dominieren un­sere Welt. etoy malt keine naturbezogenen bzw. topographisch oder ro­man­tisch orientierten Land­schafts­bilder. Die Augen und andere Sensoren der etoy.Human- sowie der etoy.Software-Agents richten sich auf ökonomische, juristische, wis­sen­schaft­liche und vor allem technische Wirklichkeiten. Der Container als Baustein und Manifest bildet diese Interessen ab.
4. Im Verlauf der Geschichte von etoy haben sich Container auch pragmatisch als ideale Infrastrukturelemente bewiesen: als mobile Studios, Lager, Show­rooms, Kurs­räum­lich­keit­en, Un­ter­­stände, Well­­nesszonen, Ser­ver­farmen oder als Ge­häuse für ganze Aus­stellungsin­stallationen. Diese etoy.HARD­WARE-­ARCHI­TEK­TUR kann jeder­­­­­­­zeit modifiziert, re­duziert, erweitert und vor allem mit wenig Aufwand verschoben werden. Im Unterschied zu den meisten hippen Containerarchitekturprojekten sind etoy.TANKS ( so werden die Container im etoy.UNIVERSUM bezeichnet ) seit 1998 permanent auf der Reise und damit weit mehr als Symbolarchitektur. Sogar das etoy.HEAD-QUARTER, zur Zeit bestehend aus vier 40 Fuß-Containern und zwei 20 Fuß-Containern, stand in unterschiedlichen Formen und Ausmaßen an ganz unterschiedlichen Orten.
5. Juristisch/baubewilligungstechnisch erlaubt die containerbasierte Bauweise maximale Agilität. Innerhalb von wenigen Tagen kann temporäre Architektur errichtet und in Betrieb genommen werden. etoy hat in den letzten 13 Jahren an Orten Quartier bezogen, wo keine andere Firma der Welt ein Bauwerk errichten könnte: zum Beispiel auf der Piazza Castello in Turin oder der Plaza de Colón in Madrid. In Berlin oder Zürich hat sich etoy mit Containern auf urbanen Brachflächen eingenistet, in Manhatten ohne Bewilligung einfach vor eine Galerie gestellt oder in Black Rock Desert die Wüste besiedelt.

Die etoy.CORPORATION ist ein umstrittener Globalplayer, online seit 1994. etoy nutzt die juristischen und organisatorischen Strukturen einer Firma, um kulturelle Werte zu maximieren. etoy produziert Kunst – das letzte Glied in der menschlichen Wertschöpfungskette.
Für etoy lösen sich die drängenden Probleme der Globalisierung nicht durch die einfache Negierung der globalen Märkte, des Warenaustauschs und der Firmen. Diese treibenden Faktoren unserer Zivilisation können zur Zeit nicht abgeschafft, sondern nur rekonfiguriert werden.
Indem etoy.AGENTS Risiken, Ressourcen und Eigentum teilen, den Markennamen schützen und die Interessen der Anteilseigner maximieren, versucht die etoy.CORPORATION soziale und kulturelle Werte zu schöpfen und sich in einem äußerst rauen und illiquiden Markt zu behaupten.
etoy.SHAREHOLDER investieren Zeit, Wissen, Ideen und Talent oder einfach Kapital und sind Teil eines dynamischen Kunstwerks, das 24 Stunden am Tag inmitten unserer Gesellschaft stattfindet – online und offline. etoy interessiert sich nicht für isolierte Kunstobjekte. etoy sowie alle seine Subsysteme und Einzel-Komponenten müssen im vernetzten Kontext betrachtet werden.

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  1. super. Tolle Idee, die Container aus Google Earth abzubilden.
    Einfach klasse. Das ist mal was Neues.
    Gruss Eva

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