ALS OB ICH EIN BRIEFKASTEN WÄRE!
Text: Thomas Goldstrasz
Der Schachtelmann von Kobo Abe als Blick aus einem extremen Minicontainer auf das Wohnen im durchschnittlichen Normalcontainer gelesen
Fotografie des Schachtelmanns mit Bildunterschift des Schachtelmanns aus den Aufzeichnungen des Schachtelmanns, in Der Schachtelmann, S. 6
Wie ist das wohl, inmitten einer großen Stadt aus Stein in einer metallenen Box zu wohnen, einer rechteckigen Kiste mit dünner Haut, nah an den Geräuschen der Umgebung, dicht bei den Außentemperaturen, ohne Dachboden, ohne Keller, ohne Erdung, ohne Etagen, mit wenig Platz und kaum Komfort?
Container erinnern den normalen deutschen Bewohner von Häusern aus Stein wohl zu aller erst an Schwertransporte, an öde Frachthäfen mit rostigen Schiffen und an triste Gleislandschaften voller Güterzüge. In gut isolierten Wohnungen mit dicken Wänden, hinter doppelt verglasten Fenstern mit Jalousien lebend, ist man an Zentralheizung, fließend Wasser, Einbauküche, raumfordernde Bettgestelle, große Schränke, Abstellkammern und Garagen gewöhnt. Aus dieser Perspektive scheint es einem kaum vorstellbar zu sein, dass jemand freiwillig in einem Container wohnen würde, ihn ernsthaft sein Zuhause nennt. Notgedrungen vielleicht, temporär, das ja. Wie die Flüchtlinge aus den Nachrichten oder die zwielichtigen Gestalten aus den Fernsehkrimis. Menschen, die ein bisschen aus der Welt gefallen sind und im Moment nicht wohnen, sondern hausen.
Das Buch Der Schachtelmann des japanischen Schriftstellers Kobo Abe (1924–1993 ) ist eine hilfreiche Lektüre, um diese Perspektive zu wechseln. Aus der Sicht eines Schachtelmanns nämlich erscheint das Wohnen im Container wieder beinah ganz normal. Aber wirklich nur beinahe, denn einige der besonderen Vorstellungen, Wahrnehmungen und Erlebnisse, die der Bewohner eines extremen Minicontainers alltäglich hat, werden auch für das Wohnen im durchschnittlichen Normalcontainer, in weniger extremer Form, nicht untypisch sein. Es lohnt sich also zu lesen, was er zu berichten hat, um sich das beinah normale Wohnen im Container besser vorzustellen.
Dies sind Aufzeichnungen über einen Schachtelmann. Ich beginne sie gerade, in einer Schachtel, genauer: in einem Pappkarton, der mir übergestülpt bis zu den Hüften reicht … Der Schachtelmann schreibt in seiner Schachtel die Aufzeichnungen des Schachtelmanns. So beginnt das Buch. Weiter geht es mit einer seitenlangen, akribischen Anleitung zum Schachtelbau. Es sei ganz einfach, heißt es zunächst, es eigne sich jeder beliebige Karton von etwa 1,30 Metern Höhe und je einem Meter Breite und Tiefe. Kartons seien heutzutage – Schauplatz ist Tokyo Anfang der 1970er Jahre – standardmäßig genügend fest und hinreichend imprägniert. Dann wird es aber doch einigermaßen kompliziert. Der echte Schachtelmann bevorzuge eine bestimmte, besonders unauffällige Sorte Karton, die er gegen die Feuchtigkeit mit einer bestimmten, besonders unauffällig eingestaubten Plastikfolie überziehe. Aus dem Boden des Kartons konstruiere er sich mit Draht mittels dieser und jener Kniffe Ablageflächen und Halterungen für seine Habseligkeiten. So und so sei der Karton zusätzlich zu stabilisieren, so und so zu belüften … Ganz besondere Sorgfalt sei schlussendlich auf die Herstellung des Sichtfensters zu verwenden. Es seien bestimmte Maße zu beachten, und die obere Linie des Fensters habe unbedingt etwa auf der Höhe der Augenbrauen zu liegen. Die Qualitätsanforderungen an die matte Plastikfolie, die mittig geschlitzt vor dem Sichtfenster anzubringen sei, sind in der Tat erlesen. Möglichst dick und zugleich geschmeidig habe sie zu sein, von einer gewissen Schwere und einer bestimmten Elastizität. Nur so sei zu gewährleisten, dass der Schachtelmann eine zuverlässige Sichtblende habe, durch die er leicht hinaus schauen und ebenso leicht verhindern kann, dass jemand hineinschaut. Dieser Sehschlitz sei nicht als eine Art Guckloch misszuverstehen; – er sei nichts weniger als das Gesicht des Schachtelmanns.
Die auf diese filigrane Bauanleitung eines Minicontainers aus Pappkarton folgenden Aufzeichnungen sind sehr verschiedener Art. Es gibt Berichte über andere Schachtelmänner, Notizen diverser eigener Erlebnisse oder Betrachtungen über das Dasein als echter oder falscher Schachtelmann, versehen mit Randnotizen, Rückblicken, zitierten Zeitungsberichten, eingestreuten Fotografien mit Bildunterschriften. Immer wieder wird episodisch die Erzählung einer längeren Begebenheit aufgenommen, von der es scheint, dass er sie während seiner Aufzeichnungen erlebt. Nach und nach wird allerdings immer klarer, dass es sich dabei um die zusehends irrsinniger werdende Phantasie des Schachtelmanns handelt, der in der Einsamkeit seiner Schachtel langsam verrückt wird. Oder besser gesagt: weltentrückt und selbstgenügsam, ohne jemals irgend unglücklich zu wirken oder an seinem Dasein als echter Schachtelmann zu zweifeln. Wer sich in seiner Schachtel langweilt, kritzelt er an die Wand seiner Schachtel, ist mit Sicherheit eine Kopie. Und Langeweile kommt bei ihm, in Gegenwart der Geschichte, die ihm seine Phantasie erzählt, garantiert nicht auf, denn sie funkelt wie eine Bierflaschenscherbe im Abendlicht. Von dieser Geschichte wird hier nichts verraten, nichts kopiert, man greife bitte sogleich zum Original, um sie zu erleben.
Wie also lassen sich die Aufzeichnungen des Schachtelmanns als Blick aus einem extremen Minicontainer auf das Wohnen in einem durchschnittlichen Normalcontainer lesen? Drei Beispiele unter vielen, die sich darin finden lassen: Erstens: das Wohnen im Container verändert die Vorstellungen von Nützlichkeit. Zu Beginn meines Schachtellebens, erinnert sich der Schachtelmann, wollte es mir einfach nicht gelingen, mich von den üblichen Vorstellungen von Nützlichkeit zu lösen, und ich sammelte eine Zeitlang blind drauflos einfach alles, Dinge, die nützlich erschienen, und solche, von denen ich keine Ahnung hatte, zu was sie gut sein sollten. Eine Blechdose mit den getriebenen Figuren dreier nackter Schönheiten (garantiert zu irgendwas nütze), einen ungewöhnlichen Stein ( möglicherweise ein Steinwerkzeug aus grauer Vorzeit ), Eisenkügelchen ( um schwere Gegenstände wegzurollen ), ein Taschenwörterbuch Englisch-Japanisch (nicht gesagt, dass ich es nicht doch einmal brauchen würde), ein vergoldeter Absatz eines hochhackigen Schuhs ( interessante Form, vielleicht auch als Hammer zu gebrauchen ), ein Schlüsselbund mit fünf Schlüsseln (irgendwann würde ich schon auf ein Schloss stoßen, zu dem er passte ), … das und mehr sammelte ich unaufhörlich, bis ich schließlich aus allen Nähten platzte, mich vor Gewicht nicht mehr bewegen konnte und endlich die bittere Notwendigkeit des Wegwerfens begriff. Der Schachtelmann passt seine Nützlichkeitskriterien im Laufe der Zeit so weit an seine Wohnsituation an, dass er gnadenlos jeden Gegenstand wegwirft, den er nicht mindestens drei Mal am Tag gebraucht und wirklich braucht. Nicht nur zu brauchen glaubt, wie zum Beispiel sein Radio, dessen er sich entledigt, nachdem er seine Nachrichtensucht losgeworden ist. Alle Dinge, die er seltener braucht, müssen immer wieder neu gefunden werden. Diese Situation ändert seine Wahrnehmung total. Er zeichnet sich eine Art innerlicher Stadtkarte von Tokyo, auf der er Orte verzeichnet, an denen Dinge zu finden sind, die er manchmal braucht. Klassifiziert nach Sorten und Wahrscheinlichkeiten. Wie verändert sich die private Kartografie einer Stadt, wenn man in einem Container wohnt? Diese Frage macht schon neugierig, es zu probieren.
Zweitens: der Blick aus dem Container offenbart Ungewöhnliches. Das Auge des Schachtelmanns lässt sich nicht täuschen, bemerkt der Schachtelmann in seiner Schachtel. Wer aus der Schachtel späht, durchschaut die hinter den Bildern versteckten Lügen. Der Grund dafür sei sein Blickwinkel. Aus der Hocke heraus, unter einem Karton verborgen, durch einen Sehschlitz hindurch. Damit rechne niemand. Darauf seien die Lügen der Bilder nicht eingerichtet. Mitunter fühlt er sich von der Ehrlichkeit, die ihm so entgegen kommt, sogar ein wenig überfordert. Besonders ihre Beine, schreibt der Schachtelmann über eine Frau, die auf ihn zuging, – sie waren schlank und graziös wie ein Paar aus der Vogelperspektive betrachtete Bahngleise. Makellos wie der Himmel, bläulich und leicht war ihr Schritt. Es war, als hätten mich ihre Beine einfach entwaffnet. Absicht sei das sicher nicht gewesen. Wir sind nicht vorbereitet auf einen derartigen Blick auf unsere Beine. Wenn wir es wären, wir würden unsere Hosen anders tragen. Wohncontainer stehen oft an Orten, die die Ausrichtung unserer Bilder hintergehen. Sie richten ihre Fenster auf eine Weise auf die Außenwelt, mit der man nicht so selbstverständlich rechnet. Wie ist es, aus dem Fenster seiner Wohnung auf die Rückseiten von Werbetafeln zu sehen? Wie ist es, Menschen zu erblicken, die mit diesem Blickwinkel nicht rechnen? Wenn man in einem Container wohnt, kann man das erleben.
Drittens: der Container als Wohnort ist für das gewöhnliche Auge unsichtbar. Ein Schachtelmann ist keine Rarität, erklärt der Schachtelmann und wendet sich direkt an seinen Leser; es gibt tausend Gelegenheiten einen zu sehen. Auch du hast schon einen gesehen, da bin ich sicher. Du willst es nur nicht zugeben. Ich kann das gut verstehen. Du bist nicht der einzige, der sieht und tut, als fiele ihm nichts auf. Man scheint, ganz ohne Hintergedanken, instinktiv die Augen abwenden zu wollen. Er berichtet von einem Fall, in dem das ausnahmsweise anders abgelaufen ist. Ein Mann, er nennt ihn A., sieht einen Schachtelmann, der sich direkt vor seinem Wohnungsfenster häuslich niederlässt. Anstatt ihn instinktiv nicht zu bemerken, ärgert A. sich über seine Anwesenheit und schießt mit seinem Luftgewehr auf ihn, um ihn zu vertreiben. Zwar verschwindet der Schachtelmann daraufhin, keuchend, mit leise schwankender Schachtel. Doch aus seinen Gedanken kann A. ihn nicht vertreiben. Beständig denkt er an ihn, richtet seine Wahrnehmung bei seinen Stadtspaziergängen auf Schachtelmänner aus, setzt sich bei der nächsten Gelegenheit selbst unter einen Karton, zunächst kurz, zaghaft, dann immer länger … schließlich baut er sich eine echte Schachtel, stülpt sie sich über und verschwindet. Er ist selbst zum Schachtelmann geworden. Wenn A. einen Fehler gemacht hat, so der Schachtelmann, dann nur den, sich mehr als andere des Schachtelmanns bewusst gewesen zu sein … Überleg es dir also gut, bevor du auf einen Schachtelmann schießt. So ist es mit Containern. Es gibt in jeder größeren Stadt tausend Gelegenheiten, sie zu sehen, doch man beschließt instinktiv, ihnen keine besondere Beachtung zu schenken. Verhält man sich ausnahmsweise anders, ist man auf dem besten Weg, sie als Wohnraum wahrzunehmen; – und zieht womöglich bald in einen ein. Überlegen Sie es sich also gut, wohin Sie sehen, wenn Sie das nächste Mal in einer großen Stadt spazieren gehen.