„Ein Container? Mein Gott! Das ist doch so eine große Kiste. Nichts als ein riesiger Umzugskarton. Was soll denn daran faszinierend sein? Wie kann ich mich dafür interessieren?!“ – fragte ich mich fast wütend. „Eine ganze Ausgabe einer Kultur-Zeitschrift dem Container zu widmen – wie um Gotteswillen kommt man auf so eine Idee?“ Ich war empört.
„Bestimmt auf der Autobahn“ – dachte ich plötzlich, beim vergeblichen Versuch ein ungefähr PKW-breites Riesenloch im Moskauer Asphalt zu umfahren. – „Ja! Ausschließlich bei einer langen, langweiligen Autofahrt auf deutschen Autobahnen. Anstatt sein Gehirn mit wirklich wichtigen Sachen zu beschäftigen, wie … Straßenlöchern, sich im Gebüsch verstekkenden Polizisten auf Cashjagd und unzähligen rasenden Verkehrsteilnehmern, die über die Erfindung der Blinkanlage niemals informiert wurden, kann ein auf deutschen Autobahnen einzuschlafen drohendes Fahrergehirn unerwartet anfangen, eine Transportkiste konzeptuell zu verarbeiten.“
Was wissen die schon über echtes Leben, diese westlichen Intellektuellen? – setzte sich meine Empörung fort, – Nichts! Die wissen gar nichts! Nicht mal, wie man einen Fleck, entstanden auf der Basis von russischem Schmutz™ von einer hellen Hose entfernt. Aus einem einfachen Grund: weil dieser Fleck von einer hellen Hose nicht zu entfernen ist. Mit keinem Reinigungsmittel der Welt! Ich war ja auch von diesem Virus namens „konzeptuelles Denken“ in Deutschland angesteckt. Erst jetzt, nachdem ich in Moskau keine einzige tragbare helle Hose mehr besitze, jetzt, wo ich weiß, dass man im Winter …– na ja, schon zwei-drei Monate davor, und noch zwei-drei Monate danach, also insgesamt neun Monate im Jahr – keine hellen Sachen tragen darf, fühle ich mich wieder fest auf dem Boden der Tatsachen angelangt und kann behaupten von diesem Virus geheilt zu sein. Das Heilmittel heißt „praktisches Denken“, meine Damen und Herren. Wissen Sie? Nicht die schönen Sachen tragen, sondern die praktischen. Am liebsten gleich Camouflage. Und bitte, bitte keine konzeptuellen Theorien mit Swarowski-Steinchen oben drauf. Hier, im russischen Gebüsch, auf der allgegenwärtigen Cashjagd werden die nicht gebraucht. Also lasst uns einen Container ganz nüchtern und praktisch betrachten. Und zuerst von seiner ursprünglichen Transport-Funktion absehen. Angeblich kann man darin auch wohnen. Oder arbeiten.
Ich hatte in meinem Leben mit beiden Funktionen zu tun gehabt. Ich erinnere mich sehr gut an eine heiße Sommerbeziehung, die ausschließlich darauf basierte, dass jüdische Flüchtlinge aus Russland im Düsseldorfer Stadtteil Lörick in Wohncontainern untergebracht worden waren. Zwei junge Damen, die dort ein Zimmer miteinander teilen sollten, verbrachten bei mir jede einzelne Nacht, weil die Hitze in den Containern nicht auszuhalten war. Logischerweise war unsere Beziehung zu Ende, sobald die Damen zu einem stolzen Ein-Zimmer-Wohnungsbesitzer wechselten. Ich bewohnte lediglich ein kleines Zimmer in einem Notwohnheim (aus Stein) und konnte da natürlich nicht mithalten.
Einige Jahre später habe ich eine unendlich lange Phase meines Lebens, die ausschließlich der Office-Arbeit gewidmet war, in einem Arbeitscontainer verbracht. Die ganzen zwei Monate. Im Industriegebiet Köln-Porz-Wahn-Nochirgendwas. Es war wieder Sommer. Es war wieder Hitze. Es gab keine Kundschaft. Es gab keine Luft. Schweißgebadet schlief ich nackt auf dem Boden oder beschäftigte mich damit, Gigabytes von Pornos herunterzuladen und direkt wieder zu löschen, um die damals noch seltene Internet-Flatrate nur irgendwie zu nutzen. Ich glaube sogar, dass die verrückte Idee mich eines Tages auf Cashjagd nach Moskau zu begeben, anstatt Weltrevolutionspläne zu schmieden, mein abgequältes Gehirn eben damals befallen hat.
Alles in allem kann ich über Wohn- bzw. Arbeitscontainer bewusst behaupten, dass diese Dinge im Sommer nur für Leute geeignet sind, die auf Selbstverbrennung stehen und etwas trainieren möchten.
Ob man die winterlichen Verhältnisse in einem Containerstädtchen gut ertragen kann, weiß ich nicht genau. Die tadschikischen Bauarbeiter, die unweit vom meiner Moskauer Wohnung in einem Containerstädtchen leben, schaffen es irgendwie. Wenn sie nachts im Winter unter langsam fallenden Schnee vor einem Lagerfeuer stehen und eine gigantische „Gazprom“ -Leuchtschrift auf sie blau herunterstrahlt, sieht das ganze ziemlich idyllisch aus.
So, meine Damen und Herren, jetzt kommen wir zur puren Container-Transport-Funktion. Mein Office-Container diente der Menschheit als eine Zoll-Agentur. In der ich wiederum der Menschheit als Zoll-Agent diente. Eine meiner Aufgaben war es die Einfuhrpapiere für nach Deutschland importierte Waren auszufüllen. Als ich eines Tages die routinemäßige Zollabfertigung eines mit Textilien aus der Türkei befüllten Containers erledigte, fiel mir auf, dass der Preis eines Bündels Männersocken USD 1.40 betrug. Interessant wurde diese Tatsache nur dadurch, dass ein Bündel Männersocken 25 Paar Socken enthält, was zwangsläufig bedeutet, dass ein Paar Männersocken bei ihrer Einreise nach Deutschland ungefähr 4 Eurocent kostet. Diese Erkenntnis hat meinen Glauben an das Gute im Menschen fast vollständig ruiniert. Wann immer ich seitdem ein Paar Socken kaufe oder einen Container sehe, fühle ich mich sofort um mindestens 2000 % verarscht. Dieses Gefühl steigt ins Unermessliche, wenn ich die Fernsehbilder von tausenden Containern in einem Hafen sehe. Ganz abgesehen davon, dass ich mich grundsätzlich verarscht fühle, wann immer ich irgendwelche Fernsehbilder sehe. Ja, ok, der Container ist vielleicht ein Symbol. Symbol der Globalisierung. Symbol des endgültigen und kompromisslosen Sieges des globalen Kapitalismus. Ich war von diesem Sieg ja sowieso nicht begeistert, aber heute bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob die Sicherstellung der freien Warenbewegung das größte Problem der Welt in näherer Zukunft sein wird. Es sei denn, die Container-Bewegung wird sich wieder auf den ursprünglichen Zweck aus dem Jahr 1968 zurückbesinnen, als Container fast ausschließlich im Auftrag von US-Army befördert wurden.
Obwohl, wenn ich überlege, habe ich doch eine progressive Zukunftsvision, die fast alle Containerfunktionen in sich vereint: die eines Schiffcontainers, eines Wohncontainers und eines Weltrettungscontainers. Stellen Sie sich das Mittelmeer vor, meine Damen und Herren, auf dem Wasser treibende Containerstädte, bewohnt von afrikanischen Flüchtlin… Oops. Stop. Vielleicht widerspricht dieser Gedanke der Idee der Political Correctness. Ich weiß nicht mehr. Ich habe in Moskau etwas den Überblick verloren. Hierzulande spricht nämlich ein Pressesprecher des russischen Bundesamtes für Migration über den Erhalt der Rassenreinheit. Des russischen Volkes wohlgemerkt. Ich lach mich tot, meine Damen und Herren. Und Herr Dschingis Khan rotiert in seinem unbekannten Grab.
Ungefähr an dieser Stelle wollte ich meinen freien Container-Gedankenlauf beenden, als ich auf einmal doch tiefe Faszination für einen noch nicht existierenden Container empfand, dessen bestimmt noch zu kommende Existenz für mich sogar eine gewisse symbolische Bedeutung haben wird, auch wenn ich noch vor kurzem Containersymbolismus stark angezweifelt habe.
Ich will ja nicht behaupten, dass meine Idee sehr originell ist …
Seit dem 19. Juni 1996, als zwei Mitarbeiter des Wahlstabes von Präsident Jelzin mit einem Xerox-Papier-Karton in den Händen festgenommen wurden, ist z.B. ein „Xerox-Papier-Karton“ in der russischen Sprache ein Synonym für 500.000 Dollar. Denn genau soviel Geld befand sich nämlich in diesem Karton. Spätestens seit dieser Zeit zählt man im fortgeschrittenen Russland das große Geld in Behältern, während im Westen immer noch ein veraltetes und undurchsichtiges numerisches System verwendet wird. Das russische System erlaubt es schnell und einfach den realen Status eines Beamten unmissverständlich zu klären. Wichtig ist dabei nur der Umstand, in welchen Behältnissen der Beamte seine Schmiergelder annimmt. Die Zahlungen können in bescheidenen Umschlägen, in unauffälligen Notebooktaschen oder stolzen Reisekoffern erfolgen. Man müsste dabei nur die Schmiergeld-Währung beachten. Denn zur allgemeinen Freude von russischen Staatsangestellten haben die Europäer am 1. Januar 2002 Euroscheine in Umlauf gebracht. Daher kann heutzutage eine halbe-Million-Dollar, ausgezahlt in 500-Euro-Scheinen, am Boden einer kleinen Aktentasche unter einer Tupperdose mit Wurstbroten versteckt werden. In eine gewöhnliche Herrenhandtasche passen die Scheine auch prima rein. Für läppische 150.000 Euro ausgezahlt in Rubel-Scheinen, braucht man dagegen mindestens einen Pilotenkoffer. Ich verspüre also die unbestreitbare Nützlichkeit, gepaart mit einem leichten Anflug von romantischen Symbolismus erst dann, wenn ich Container als Geldmengeneinheit betrachte. Diesen vollen Geldcontainer will ich besitzen. Der kann dann auch mit Rubeln gefüllt sein – kein Problem. Dann kann ich endlich ins liebe Deutschland zurückkehren, ein Häuschen mit Gartenzwergen kaufen, ein gutbürgerliches Leben führen und in Ruhe die Weltrevolution planen.
Und noch etwas: Ich glaube fest daran, dass die Russen es schaffen werden. Ich weiß zwar nicht wann, aber eines Tages wird sie kommen, diese mythische russische Autobahn. Eine echte, meine ich, meine Damen und Herren, ohne Bushaltestellen an den Ausfahrten. Und dann kommt auch die russische Renaissance, es kommen die goldenen postmodernen Zeiten, in denen Russen sich an alle anderen zivilisierten Völker der Welt anschließen, und wie alle anderen während langer langweiliger Autobahnfahrten über den tiefen metaphysischen Sinn sinnloser Gegenstände nachdenken werden, anstatt ständig zu überlegen, wie man am schnellsten an die Adresse einer alten Wucherin kommt.
