Sasha F. Maxim
S ie feiern immer noch“ wäre ein falscher Ausdruck, denn diese Feierlichkeiten werden von Jahr zu Jahr pompöser und hysterischer.
Und der Grad dieser Hysterie wächst umso höher, je weniger Veteranen des Zweiten Weltkrieges am Leben sind.
Die ersten neunzehn Jahre nach dem Krieg wurde der Sieg über Deutschland gar nicht gefeiert, abgesehen von der Siegesparade im August 1945. Erst 1965 fand eine Militärparade statt, der die Paraden von 1975, 1985, 1990 und 1995 folgten. Seit dem Jahr 1995 fand die Parade jedes Jahr statt, allerdings ohne zur Schau gestelltes Kriegsgerät, ab 2008 dann mit so viel russischer Militärtechnik, wie man überhaupt ins Zentrum von Moskau schleppen kann.
Es wäre falsch zu behaupten, dass in der Gesellschaft eine hundertprozentige Übereinstimmung in Bezug auf den „Heiligen Sieg“ ( wie er seit Kurzem genannt wird ) herrscht. Es gibt genügend Bücher und Internet - Beiträge, in denen die Rolle der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg ganz anders als in der offiziellen Propaganda geschildert wird. Und es gibt eigentlich keinen einzigen einigermaßen gebildeten Russen, der nicht davon gehört hätte, dass der Zweite Weltkrieg durch die Aufteilung Polens zwischen Hitler und Stalin begann, dass die Alliierten Unmengen von Gütern an die Sowjetunion lieferten, dass über eine Million Russen in der Armee von General Wlasow an der deutschen Seite gegen die Kommunisten kämpfte, und dass die überdimensional hohen menschlichen Verluste der Roten Armee nur durch den barbarischen Umgang der Sowjetgeneräle mit dem Leben der eigenen Soldaten zu erklären sind.
Die Kunst der pompösen Siegesfeiern besteht aber darin, die Annektierung von Teilen Polens als genialen Abwehrzug Stalins zu betrachten, die Hilfe der Alliierten als unbedeutend zu relativieren, Wlasows Armee als eine Verräter-Horde darzustellen und mit dramatischen Opferzahlen den Heiligkeitsstatus des Sieges zu bekräftigen. Die Beherrschung dieser Kunst ist vielleicht der einzige Punkt, an dem die offizielle Propaganda und die allgemeine Volksmeinung voll und ganz übereinstimmen.
Die Tatsache, dass das EU-Parlament im Nationalsozialismus sowie im sowjetischen Kommunismus gleichermaßen verbrecherische Regime sieht, findet in Russland keine Begeisterung.
Wenn der Nazismus also von der russisch-kommunistischen Roten Armee besiegt wurde, dann können sich hinter dem Antikommunismus des EU-Parlaments doch nur Sympathien für den Nazismus verbergen. Ist doch offensichtlich, oder?
Dieser Gedankenzug wird einem Europäer vielleicht unsinnig vorkommen – warum können die Russen sich nicht vom Kommunismus distanzieren, um sich endlich eigenständig zu definieren?
Die Antwort ist einfach: weil sie es eben nicht schaffen, sich eigenständig zu definieren. Deswegen wird der 9. Mai – der Siegestag der Sowjetunion über Hitler-Deutschland – mit der Zeit zum einzig verbliebenen Identitätsmerkmal des früheren Sowjetvolks.
Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre, zu der Zeit des Zerfalls der Sowjetunion, sah die Sache noch ganz anders aus. Die allgemeine Abneigung gegenüber der stalinistischen Vergangenheit war unumstritten und die Abschaffung der roten sowjetischen Staatsfahne erschien absolut logisch, wenngleich die neue russische weiß-blau-rote Fahne die Kriegsfahne der antikommunistischen Weißen Armee im Russischen Bürgerkrieg (1917-1923 ) und ebenfalls die Fahne von General Wlasows Armee im Zweiten Weltkrieg gewesen ist.
Zur selben Zeit wurden im Lande Millionen-Auflagen des ehemaligen sowjetischen Geheimdienstmitarbeiters Viktor Suvorov verkauft, der zum ersten Mal in der russisch-sowjetischen Nachkriegsgeschichte die These über Stalins Vorbereitung eines Angriffs auf Hitler -Deutschland aufstellte und verteidigte.
Ebenfalls sprach man damals zum ersten Mal öffentlich über die sowjetischen Aggressionskriege von 1939 bis 1941, die der Aufteilung Polens folgten. Die Annexion der baltischen Staaten und Teilen von Rumänien und Finnland wurde als verbrecherische Besatzung unabhängiger Staaten und nicht als Befreiung von erniedrigten Völkern dargestellt.
Das Ganze hätte bedeuten können, dass Hitlers Überfall auf die Sowjetunion tatsächlich ein „präventiver Verteidigungskrieg“ gegen ein gleich verbrecherisches Regime gewesen sein könnte. Auf der Suche nach neuen Wahrheiten und neuen Freiheiten war das Volk bereit, sich mit den „neuen“ Tatsachen abzufinden. Es gab sogar einen Witz, in dem der Enkel seinen Großvater fragte: „Opa, wozu hast du gegen die Deutschen gekämpft? Wir hätten jetzt bayerisches Bier trinken können …“
An diesem Punkt wusste man natürlich nicht, dass die neuen Zeiten nicht nur neue Wahrheiten und neue Freiheiten, sondern auch neue Armut, neue Kriminalität, neue Korruption und neues Chaos mit sich bringen würden.
Und man wusste natürlich nicht, dass sich auch 20 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion kein einziger Grund finden lassen würde, warum die Russen auf ihr Land – das neue Russland – stolz sein könnten.
Zur Sowjetzeit waren Sport, Ballet, fundamentale Wissenschaft, Armee, Kosmos und Landesgröße unumstrittene Trümpfe des Landes. Nach dem Zerfall gingen diese Trümpfe nacheinander verloren. Die Sportler, Künstler und Wissenschaftler gingen in den Westen. Die demoralisierte Armee wurde aus Europa abgezogen, teilweise aufgelöst und verlor kurz darauf den Tschetschenienkrieg. Die Raumstation „Mir“ wurde aufgegeben und zum Absturz gebracht, und die Größe des Landes wurde aus einem Grund zum Stolz zu einem riesigen Problem. Warum? Weil sich eben keine Erklärung dafür finden ließ, weshalb 160 freie Nationen Russlands, die ganz unterschiedlichen religiösen, ethnischen und sprachlichen Gruppen angehören, überhaupt unter einem gemeinsamen Dach leben sollten. Was kann die Nationen des ehemaligen Riesen-Imperiums außer der zaristischen Militärgewalt oder der kommunistischen Idee noch verbinden, während alle anderen mehr oder weniger ähnlichen geopolitischen Gebilde, wie Ungarn - Österreich, das Osmanische Reich oder das Britische Imperium längst von der Weltkarte verschwunden sind?
Mit dem Verschwinden der alten Trümpfe entstand ein ideologisches und materielles Vakuum. Die Industrie starb ab. Die Landwirtschaft starb ab. Die Wissenschaft starb ab. Und die neue russische Idee wurde nicht geboren.
Man kann leicht erraten, was das Land erwartet hätte, wenn ein Barell Öl sich nicht innerhalb einer kurzen Zeit um das 10-Fache verteuert hätte.
Das Blatt wendete sich.
Heute hat Russland das Öl, das Geld und den Wladimir Wladimirowitsch Putin – den „Führer der Nation“, wie ihn offizielle Medien unmissverständlich nennen.
Dass der Führer das Land nirgendwohin führen kann, ist wohl klar. Denn es gibt weiterhin kein definiertes Ziel und es gibt weiterhin keinerlei Ideologie, die in sich etwas mehr enthalten würde als die Behauptung, Russland sei ein Land mit einem eigenen Weg, der weder westlich, noch östlich sei.
Vielleicht war die Suche nach einem eigenen Weg der eigentliche Grund dafür, dass in Putins Russland keine Autobahnen gebaut werden? Aber dass einem Führer außer Autobahnen auch ein Heiliger Sieg zusteht, hat auch Putin erraten. Und natürlich wollte er auch einen haben. Der Versuch den tschetschenischen Terrorismus zu besiegen, war gescheitert. Zwar wurde der Terrorismus in Tschetschenien eingedämmt, doch hat er sich dafür über den ganzen Kaukasus ausgebreitet.
Und dann hat ihn das Schicksal zum zweiten Mal beschenkt. Zu den hohen Ölpreisen kam der 60. Jahrestag des Siegs über Deutschland. Im Jahr 2005. Eigentlich konnte man erwarten, dass die Regierungsmacht es wieder schafft, nur einen lauten Lachanfall im Volk auszulösen, wie es jede andere sinnlose Propaganda-Kampagne zuvor und danach immer und sicher geschafft hat. Aber durch einen Zufall haben die Feierlichkeiten des Jahres 2005 die Regierung und das Volk plötzlich vereint.
Den staatlichen Propaganda - Einheiten ist wie immer nichts Besseres eingefallen, als nuttige Pop-Sternchen und metrosexuelle Boygroups in Uniformen der Roten Armee Lieder aus Kriegszeiten auf dem Roten Platz singen zu lassen. Dafür hatte aber eine Gruppe von Journalisten die zündende Idee, innerhalb der eigenen Redaktion schwarz-orangene Bänder zu verteilen.
Die Farben sind die des Russischen Ordens des Heiligen Georg, der 1769 als höchste militärische Auszeichnung des russischen Reiches eingeführt und bis 1917 verliehen wurde.
Die Redaktionsmitarbeiter befestigten das Band an ihrer Kleidung ( ungefähr so wie das rote Band am Welt-AIDS-Tag ) um ein symbolisches Zeichen der „Dankbarkeit an die Veteranen, und des Gedenkens an die Getöteten“ zu setzen. Innerhalb weniger Tage sammelten sich vor dem Redaktionsbüro kilometerlange Schlangen von Menschen, die alle auch so ein „Georgsbändchen“ haben wollten.
Der Staat erkannte schnell die Volksstimmung: bereits 2006 wurde die Vergabe von vier Millionen Bändchen aus der Staatskasse finanziert. Bis heute wurden mehr als 50 Millionen Bändchen in über 30 Ländern verteilt.
Besonderes beliebt sind die Georgsbändchen bei Autofahrern, die das Band mitlerweile ganzjährig an ihren Fahrzeugen tragen. Die Idee, das eigene Auto als Symbol der Dankbarkeit und des Gedenkens zu benutzen, hat sich weiter entwickelt. Heute sieht man auf den Autos nicht nur kleine farbige Bänder, sondern auch große Aufschriften, wie zum Beispiel „Spasibo dedu zu pobedu“ (also „Danke Opa, für den Sieg“), oder „Na Berlin!“ (also „Auf Berlin!“) im gleichen Schriftzug, wie man es im Jahre 1945 auf Panzer geschrieben hatte, die zum Kampf um Berlin Richtung Front zogen.
Ein gewisser Idiotismus des Anblicks eines deutschen Fahrzeuges mit der Aufschrift „Auf Berlin!“ ist auch den russischen Autobesitzern bewusst. Was solls? Man klebt einfach noch einen Aufkleber mit dem Wort „Trophäe“ drunter und trägt somit gleichzeitig die Siegesbeute mit davon.
Ansonsten ist das Georgsbändchen zum Beispiel auch auf Vodkaflaschen-Etiketten, auf Preisschildern, auf Hundehalsbändern und auf Regierungsmitgliedern zu sehen. Es wird berichtet, dass auch Striptease-Clubs oder öffentliche Toiletten mit schwarz-orangenen Streifen geschmückt werden. Aber Übertreibungen gibts überall, oder?
Trotz allen Kritikern, die die Verteilung der Georgsbändchen als einen Flashmob Putins bezeichnen, findet die Aktion bei ca. 80% der Bevölkerung Zustimmung. Das Land hat endlich etwas Sichtbares erfunden, was für fast alle Bürger die gleiche Bedeutung hat. Das Band ist keine Idee, die voran bringt, keine Konzeption eines neuen Russlands, nichtsdestotrotz ist es ein Symbol: das Konzentrat des Heiligen, Ewigen und Unantastbaren.
Russland ist heilig, ewig, und unantastbar, weil die Völker Russlands die Verkörperung des absolut Bösen – Hitler-Deutschland nämlich – besiegt haben. Gibt es noch Fragen?
Ach ja, übrigens, nochmal zum Thema Striptease-Clubs. Auf einem russischen Swingerportal, zwischen Gruppensex-Berichten und Partnertauschanzeigen vom Mai 2011, lassen sich auch herzliche und aufrichtige Gratulationen zum Siegestag entdecken. Es wäre eigentlich zum Lachen, wenn mir die Russen nicht so Leid täten.
