SAMMELN IM ZEITALTER DER VERLUSTFREIEN REPRODUZIERBARKEIT // HEIKE SPERLING

Gespräch: Katharina Hauke

Heike Sperling studiert unter anderem bei Anna Oppermann und Bazon Brock, bei ihm schreibt sie ihre Doktorarbeit über „Integrative Audiovisualistik“.
Anschließend arbeitet sie in der freien Wirtschaft: für RTL, VOX, brand eins, VIVA Plus, WDR…
Sie erhält zahlreiche Auszeichnungen für ihre Arbeit.
Heute ist sie Professorin am Institut Fuer Musik Und Medien der Robert Schumann Hochschule in Düsseldorf, lehrt aber auch in der Schweiz, in Italien und in Österreich. Seit 1998 leitet sie den Projektstudiengang Motion Design an der Filmakademie Baden-Württemberg.
Seit 2005 kuratiert sie das Basecamp.
Im Sommersemester 2009 legt sie ein Forschungsfreisemester ein und startet das Visual Music Archive.
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WUNDERKAMMER
„The Visual Music Archive is a non-institutional and highly subjective collection of inspirational works from the ever expanding field of Visual Music.“
„In den letzten 150 Jahren wurde das Spezialistentum so viel wichtiger als das Generalistentum. Spezialisierung heißt, ein Thema bis in die Tiefe zu bearbeiten. Ein generalistischer Blick, und das ist es, was mich interessiert, betrachtet das Glitzern an der Oberfläche. Das bedeutet freies Assoziieren und ist in den meisten Fällen nicht logisch nachvollziehbar oder begründbar.“
An dieses freie Assoziieren heran zu kommen, ist gar nicht so leicht. Wir nehmen (wir) durch einen Filter der Beurteilung wahr, der aus allem besteht, was uns durch Sozialisierung, durch unsere Kultur und unsere Eltern, beigebracht wurde. Damit wir vernünftig agieren, einschätzbar werden und nicht für verrückt gehalten werden. Kreativität ist die Möglichkeit, Zugang zu finden, zu diesem ständigen unterbewussten Strom an Bildern, Ideen, abgespeichertem Wissen, Wünschen. Wie im Traum.
Freies Assoziieren ist das, was Heike Sperling in ihrem Blog macht. Als Carsten Goertz den sieht, fühlte er sich erinnert an das Buch Archäologie der Medien von Prof. Dr. Siegfried Zielinski (Professor für Medientheorie an der UdK Berlin) erinnert. Carsten meint zu Heike: „Genau das ist eine Wunderkammer!“ (01) Der Ansatz der Wissenschaft, sich zu spezialisieren, hat verhindert, dass die Wunderkammer sich halten konnte. Aber jetzt ist sie wieder da – auf Heikes Blog und im Archiv für visuelle Musik. Da lacht sie. „Anders hätte ich das gar nicht angehen können.“Wie auch? Wissenschaftlich? Das würde bedeuten: ein Experiment, das zu jeder Zeit an jedem Ort wiederholbar ist. Ist es aber nicht.
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ARCHIV I
“Wo finde ich gute Beispiele für visuelle Musik? … diesen und jenen Künstler? … etwas zum weiter Lesen?”
Da es offensichtlich an einer audio-visuellen Bibliothek fehlt, entschließt sich Heike Sperling 2009 ein Forschungsfreiesemester einzulegen. Es entsteht die Basis ihres Visual Music Archive das seitdem wächst und weiter wachsen soll.
Das Archiv ist eine Sammlung aus 1. Texten, ausgewählter Literatur, Artikeln und Webseiten zum weiter lesen, 2. Künstlern und 3. deren Arbeiten zum gucken und hören. Es dient auch als Lehrmaterial-Sammlung für Heikes Kurse, die sich mit Themen beschäftigen wie VJing, Musikvideo und Installation, Bildkomposition und -rythmus, lineare und non-lineare Produktion von Visueller Musik.
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SAMMELN I
„Ich bin keine Sammlerin. Kubrick war ein Sammler. Abgesehen davon, dass ich mich nicht mit Kubrick vergleichen will, habe ich auch nicht dieses Manische.“ Sein letzter Film, Eyes Wide Shut, kommt nach einer Pause von 12 Jahren heraus. Kubrick verstirbt kurze Zeit später. Er hinterlässt ein Landhaus voller Kisten und Archivschränke, bis auf den letzten Platz belegt mit Recherchematerial, von seinem langjährigen Assistenten sorgfältig sortiert und strukturiert.
All die Jahre, die zwischen seinen letzten Filmen liegen, hat Kubrick der Recherche gewidmet. Alleine für das Tor, das in Eyes Wide Shut vor dem Anwesen der Geheimgesellschaft steht, wurden huderte von Toren abfotografiert, aus denen der Regisseur sich eines aussuchte.
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ORDNUNG
Wie würdest du das nennen, was du mit deinem Archiv machst? – Sammeln oder archivieren?
„Gute Frage. Keins von beidem. Ich nenne es aufräumen.
Die Außenwelt strukturieren, damit mein Kopf unordentlich sein kann.“
Archiv bezieht sich also auf das Ordnungssystem, die Vernetzung, die damals auf Papier angelegt war, mittlerweile interaktiv möglich ist. Bibliothek wäre zu haptisch, zu sehr Papier, kommt aber auch an die Assoziation heran: Recherche.
Tatsächlich hat Heike mit dem Visual Music Archive die adäquate Möglichkeit gefunden, visuelle Musik zu archivieren, nämlich so, wie sie entsteht – in Echtzeit.
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VISUAL MUSIC I
Anfang des 20. Jahrhunderts geht Malerei in abstrakten Film über: Fischinger erarbeitet seine „Studien“ und disst Disney. John Whitney animiert den Vertigo-Vorspann. Norman McLaren choreografiert „pas de deux“. Mit seinem „Expanded Cinema“ holt Warhol das Kinobild in den Raum. Er veranstaltet Konzerte und Happenings.
Seit MTV kann man Musik fernsehen. In den 90er Jahren schießen VJs wie Pilze aus den Böden der Discotheken, die live-Übersetzung von handgemachter und elektronischer Musik ins Bild erfährt einen Boom. Der Genrebegriff „Visual Music“ etabliert sich. – Power Mac G3 sei Dank. Durch den war es plötzlich möglich geworden, Bild in Echtzeit zu verarbeiten. Realtime Processing, nennt man das.
Heute wird auf den meisten Konzerten, in Opern, Clubs, Museen, Galerien und auf Messen Musik visualisiert.
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EDITOR
„Das Gehirn ist ein Organ, das dazu ausgebildet ist, Zusammenhänge herzustellen. Selbst zwischen Dingen, die miteinander überhaupt nichts zu tun haben. Ich kann dir ein Bild einer Zahnbürste und das eines Auto zeigen und du wirst die beiden automatisch miteinander in eine Verbindung setzen. Die sie nicht haben.
Damit man nicht völlig überrannt wird von den eigenen sinnlichen Wahrnehmungen, hat sich evolutionär die Vorstellung vom Selbst herausgebildet. Mehr ist das nicht. Eine Filterfunktion.
Solange ich über das digitale Zeitalter nachdenke, also seit etwa 20 Jahren, ist es diese Filterfunktion, die mich am meisten interessiert. Die Arbeit des Editors: auswählen, schneiden, zusammen stellen, arrangieren.“
90/‘91 war sie völlig beeindruckt von „buzz“, einem Experiment von Mark Pellington.(02) Eine non-lineare, collagierte Fernseh-Sendung auf Channel 4, heute zu sehen auf Youtube. Zwei Jahre später brieft Heike mit buzz ihre Designer für das on-air-corporate-design bei VOX.
Ob auf ihrem Blog, im Archiv, damals bei VOX, für die Collagen bei der brand eins, im Plattencover-Workshop mit Christian Schäfer: Heike liebt Sampling.
Das ist es auch, was ihr an Magazinen so gut gefällt. Auch an Collagen: Im Gegensatz zu Malerei und Fotografie sind das Formen des zusammen Stellens, bei denen der Prozess sichtbar bleibt.
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KUNST
Vilém Flusser sagt, man tut oben was rein, und unten kommt es verändert wieder raus. Wie meint er das?
„Er meint das tatsächlich wie essen.“
Das System Darm: Da geht etwas hindurch, wird verarbeitet, nimmt Informationen raus. Am Ende bleibt dennoch was übrig. Pferdeäpfel zum Beispiel. Die sind das beste, was man Erdbeeren antun kann. Was das bedeutet? Es gibt es keine neue Information, sondern nur das Zusammensetzen von alter Info.
„Kunst wäre dann das Gegenteil von Entropie. Verdichten.“
Dass Künstler eklektisch arbeiten, ist seit Dada offiziell (wenn auch noch nicht akzeptiert), hat mittlerweile seine eigenen Kunstrichtungen hervorgebracht (Appropriation Art) und bedeutet für Künstler aller Sparten heute in erster Linie: Den eigenen Kontext kenne. Das heißt, seine Einflüsse reflektieren, mit ihnen arbeiten oder sich gegen sie entscheiden.
„Dennoch, eine gewisse Naivität in den 20ern kann nicht schaden. Vielleicht sind so Scheuklappen notwendig, weil Kontextualisierung extrem verwirren kann. Wenn man fähig ist, zu viele Perspektiven einzunehmen, kann es auch passieren, das man unbeweglich wird. Dann wird man von der eigenen Energie erdrückt.
Nicht jeden interessiert ja die Reflexion. Muss es auch nicht. Mich interessiert das halt immer mehr.“
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ORIGINAL I
„Alles wird ge-reposted, ge-retwitterd, da hängen unendliche Schwänze hinten dran, bis man mal ans Original kommt.“
Was ist dieses Original eigentlich? Kunst-Sammler zahlen sich dumm und dämlich und stecken sie dann in dunkle Keller, damit die nicht ausbleichen oder sonst wie zerfallen, möglichst lange ein Original bleiben. Digitale Werke liegen irgendwo auf einem Server und dann auf noch einem und so weiter.
„Das ist unsere Welt, das ist die digitale Welt, in der du 1:1, ohne irgendeinen Qualitätsverlust, kopierst. In Realtime. Da kann es nicht mehr ums Original gehen. In der Musikindustrie, die das Problem zuerst hatte, sieht man die Konsequenzen: Das Konzert, als unwiederholbares Erlebnis, hat einen unglaublichen Wertgewinn erfahren. Das wäre dann sowas wie: das Jetzt. Hesse nennt es die Ewigkeit des Jetzt. Unwiederholbar. – Nicht kopierbar.“
related: ORIGINAL III

VISUAL MUSIC II
Visuelle Musik ist dort, wo Bild und Ton zusammen sind.
Zum Beispiel bei “Rubber Jonny” von Chris Cunningham. Die Musik stammt von Aphex Twin.

COPYRIGHT I
Warum finde ich das Archiv nicht, wenn ich seinen Inhalte google? Aus Copyright-Gründen?
„Auch. Außerdem ist es eine ganz klare Anti-Haltung gegenüber google. Ein bisschen elitär vielleicht, aber das finde ich o.k.. Schließlich ist visuelle Musik nur eine Nische.“ Die Inhalte sind durch einen Textroboter geschützt. Das hat Heike ihrem großen Vorbild abgeguckt: UbuWeb.
Kenneth Goldsmith, Sprachkünstler und Poet, beginnt 1997 Soundpoetry zu archivieren. Schnell erweitert sich das Feld hin zur Avantgarde und die wächst und wächst. Goldsmiths Prämissen sind: Was nicht mehr zu kriegen ist, wird digitalisiert und archiviert. Was viel zu teuer oder schwierig zu kriegen ist, wird trotz Copyright auf der Webseite veröffentlicht. Den Versuch ist es wert.
Auf dieses Verhalten hagelt es am Anfang Copyright-Klagen ohne Ende. Heute kann sich Ubu vor Anfragen nicht mehr retten. Die Leute wollen in des Königs Schatzkammer. Natürlich hat auch Goldsmith Vorstellungen von Urheberrechten: „All rights for materials presented on UbuWeb belong to the artists.“
Und wo ist der Link zum Ubu-Shop, damit ich mir die Sachen legal aneignen kann? Gibt es nicht: „Nothing is for sale on UbuWeb. It‘s all free. We know it‘s a hard idea to get used to[...].“

ORIGINAL II
Die Fotografie hat kein Original. Sie hat das Negativ. Deshalb wird sie lange Zeit nicht als Kunst anerkannt. Videokünstler versucht das Original zu imitieren, indem sie nur 10 Kopien ihrer Arbeiten anfertigen. Aber woher weiß man eigentlich, dass es nur 10 Stück sind? Dann noch der Qualitätsverlust beim Kopieren.
Alles vorbei. Mit dem digitalen Kopieren gibt es das Original nicht mehr.
Metaphorisch könnte man das übertragen auf die Frage nach der Identität. Das Einzelne, das Original.
Bin ich das Original? „Wenn ich auf Facebook unterwegs bin, muss ich mir doch sehr genau überlegen: was kommuniziere ich für eine Identität. Das hat sicherlich mit dem, wie wir hier beide sitzen, nichts zu tun. Die Identität, die ich auf Facebook übermittle ist eine andere. Und die, die ich auf meiner Webseite kommuniziere ist wieder eine andere. Und die, die ich im professionellen Kontext präsentiere, übers IMM, beispielsweise, ist wieder eine andere. Und wer bin ich dann? Wer ist die wirkliche Heike Sperling? „Das sind lauter Fragen, auf die ich keine Antwort habe.“

ORIGINAL III
Vorsicht, “Moon”-Spoiler:
Das ganze Jetzt wird gelebt im Hinblick auf eine Abreise, die nie stattfinden wird. Man hat das Leben verpasst, weil man nicht im Jetzt lebt, sondern ausgerichtet auf eine Zukunft, die nicht die eigene ist. Auf der anderen Seite weil man sich identifiziert, eine Vorstellung von Ich entwickelt hat, die auf einer Erinnerung beruht, die nicht die eigene ist.
“Duncan Jones hat mit “Moon” ein philosophisches Kammerstück gedreht über das Selbst und das kopieren von Selbst.
Einer der besten Science-Fiction-Filme der letzten 10 Jahre.
Und eine tolle Metapher für unser Thema:
Tausendfach geklont, da gibt es kein Original mehr. Und das Jetzt, das dieser Mann, die Klone nie erlebt haben. Das gilt ja für uns auch. Ob ich in meinem Beruf denke, ich will dies und das erreichen, oder in Projekten an die finale Präsentation. In meiner Beziehung: wenn mein Freund das und das besser machen würde, dann wärs die richtige Beziehung.
So funktionieren wir alle.”
related: ORIGINAL I

SELBSTFESSLUNG
Herman Melville, der amerikanische Autor, erzählt die Geschichte von Bartleby dem Schreiber, der immer antwortet: “I would prefer not to.” Giorgio Agamben, italienischer Ästhetikprofessor, nimmt das auf und redet vom Begreifen des eigenen Potentials und davon, sich dann in Gelassenheit und mit einem Lächeln dagegen zu entscheiden. 
Brock würde das krasser ausdrücken und vom Selbstfesslungskünstler sprechen: Ich fessle mich, damit ich nicht das tue, was ich tun kann. Beckett nennt ihn Murphy.
Die Position des Beobachters, das entspricht dem Zen-Buddhismus: Keinen Einfluss nehmen, aber vielleicht auch keinen Schaden zufügen.
related: KUNST

ARCHIV II
“Die Kriterien, nach denen ich die Inhalte auswähle, sind subjektiv. Sie werden sich so ändern, wie ich mich ändere. Und das Ordnungssystem ist ganz einfach: Literatur, Künstler, Werke. Das kann sicher lange beibehalten werden.
(Lacht.) Das sag ich heute, am… was haben wir heute? Am 23. Juli 2010.
Schwierig, da eine Prognose zu machen.
Mit dem Forschungssemester ist gerade mal der Grundstock gelegt. Das Archiv ist einfach nicht meine Hauptbeschäftigung. Zur Zeit lehre ich an drei Hochschulen, das ist meine Hauptbeschäftigung, die Lehre und die Organisation davon.
Das Archiv wächst Stück für Stück. Wenn ich irgendwann ein Gefühl für die Richtung bekommen habe, nehme ich vielleicht einen Tutor, eine Tutorin dazu – oder öffne es für weitere Redakteure. Wer weiß, vielleicht kann ich es irgendwann ganz los lassen?
Oder das Netz ändert sich so sehr, dass sich das ganze Projekt überholt. Schwer zu sagen.”
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ORNAMENT
2002 lernt Heike Peter Saville kenne. Sie präsentiert ihm die Arbeiten, die zu dieser Zeit in Zusammenarbeit mit Chris Reberger für VIVA Plus entstehen. 
Peter bezeichnet die Arbeiten als “graphic nightmare”. 
”Ich erzähl das jetzt so, aber das war echt dramatisch. Ich war ja verantwortlich für diese Arbeit. Und da kommt einer der besten Designer und Artdirektoren des 21. Jahrhunderts, einer, der mir sehr viel bedeutet, dessen Arbeiten mir sehr viel bedeutet, der als Mensch ein unheimlich reflektierter Gesprächspartner ist, und der dann sagt: Was für ein Alptraum.”
In den Gesprächen, die darauf folgten, reflektiert sie ihre gestalterische Abstammung: “In den 80er und 90er Jahren haben Designer immer mehr den konzeptionellen Halt verloren.
Buzz, David Carson und das raygun Magazin, Technoflyer und der ganze Kram. Layer über Layer über Layer, einfach weil Photoshop das zuließ. Da kam eine totale Beliebigkeit ins Grafikdesign. Das hat sich immer weiter pervertiert, wurde mehr und mehr zur Oberfläche, zum Ornament.”
Plötzlich war klar: Das muss alles vom Tisch runter. Kommunikation kann nicht reine Form sein, reines Ornament. Was kommuniziere ich überhaupt? Was ist die Idee dahinter, die Auswahl, die getroffen wurde?
related: SAMMELN II

SAMMELN III
Ob Heike Scouts hat, die für sie durchs Netz surfen?
“Die haben sich selbst dazu ernannt!” Sie lacht.
“Ja, es gibt so eine Hand voll Leute, die schicken mir regelmäßig Material. Das kommt dann auf meine to-do-Liste und ich arbeite es nach und nach ab, entscheide, was ins Archiv kommt.”
Ein toller Seiteneffekt: Mittlerweile bekommt sie Arbeiten und Infos zugeschickt, lernt Dinge kennen, auf die sie selbst nicht gekommen wäre – bildet sich weiter.
“Das mag ich auch an meinen Job so gerne. Lehrende sind bezahlte Studenten. Und unsere Aufgabe ist es, den Studierenden das Recherchieren bei zu bringen.”
Auch im Job als Designer gilt: Bei jedem neuen Projekt steht am Anfang das Einarbeiten ins Thema, steht die Recherche. “Die ist für alle künstlerisch schaffenden Menschen wichtig. Autoren haben in aller Regel einen Rechercheur, wenn sie ihre Romane über Gentechnik schreiben. Menschen wie wie Lisa Gold, Freelance-Researcher.
Heike Sperling füttert und pflegt das Visual Music Archive selbst. Sie bespielt den Internetauftritt des IMM, postet täglich mehrmals auf Facebook, und hat einen umfangreichen eigenen Blog
Wie sie das alles schafft? – “Ich seh halt kein fern.”
related: SAMMELN II

ARCHIV III
Spaziergänger in Heikes Archiv sollten unbedingt die Spalte “Related” (ganz rechts) beachten. 
Auf diese Art leiht man sich Heikes neuronale Verknüpfungen und stößt auf Sachen, die man selbst nicht assoziiert hätte. 
Hinter den related-Posts stecken Tags, die für den User aber unsichtbar bleiben. 
”Das Bach-Tag bedeutet zum Bespiel die Art zu komponieren. Das heißt nicht, dass diese Arbeiten sonst irgend eine Verbindung miteinander haben. Und es gibt ein 5-Sternchen-Tag.” 
Was heißt das? 
”Das bekommen Arbeiten, die mir ganz besonders gefallen. Wer diese gefunden hat, der sollte auch jene kennen.”
Manchmal sind die Tags rekursiv und man landet wieder, wo man her gekommen ist. Das Archiv gleicht einem Spinnennetz, durch das der User geführt wird und in dem er sich gerne auch mal verlieren kann. 
Es verzichtet auf die fortlaufende Struktur, die für Blogs typisch ist. Sowohl die Seite des Center for Visual Music in LA als auch Maura McDonnell aus Dublin in ihrem Visual Music Blog werden dadurch unübersichtlich.
Heike Sperling auf ihrem Blog zur Realisierung des Visual Music Archive:
”I love the intelligent design by Chewing The Sun and the elegant CMS architecture by Julian Furthkamp.”

Copyright II
“Wegen illegaler Downloads sind jetzt schon Millionen junger Leute straffällig. Wie soll das ein juristisches System jemals durchsetzen? Die Urheber- und Nutzungsrechte wie sie derzeit existieren, müssen überdacht werden. “
Wenn das Copyright überholt ist und in Zukunft vielleicht nicht mehr existiert – von was leben dann die Künstler?
Im Netz gibt es gerade ein Projekt dazu: Flattr.
Das befindet sich im Beta-Test, wird entwickelt, programmiert und geführt von den Pirate Bay Gründern aus Schweden. Wer mit macht, spendet einen festen Betrag im Monat und kann über einen “like”-Button Teile des Kuchens an Blogs und Internetseiten verteilen.
Heike testet Flattr: “Ich lese viel mehr Blogs als Tageszeitungen. Außerdem velinke ich Blogs, benutze deren Inhalte für meine Seite. Wenn Flattr funktioniert bietet mir das endlich eine Möglichkeit, diese Arbeit zu honorieren.”
Natürlich sieht sie das Projekt trotzdem kritisch: “Die Schwierigkeiten dabei liegen trotzdem wieder beim Copyright. Was, wenn ich meinen Blog bei Flattr anmelde, dann aber nur andere zitiere? Dann bekomme ich Geld für meine Filtertätigkeit, was eine wichtige Arbeit ist, aber ist das ok?”
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REISEN
Um zu sehen, wie sehr man kulturell geprägt ist, muss man sich aus der eigenen Kultur raus bewegen. 
Angenommen, man wird in einer Familie groß, die keine religiösen Bezüge hat, in der nie in die Kirche gegangen wurde, die Eltern sind nicht religiös, das Christentum spielt einfach keine Rolle – und man reist nach Indien. Dann merkt man, wie sehr man Christ ist. Weil die ganze Kultur auf diesen Geschichten beruht.
related: ORIGINAL I

COPY RIGHT III
Sucht man im Netz nach Bewegtbild-Arbeiten von Fischinger, sucht man vergeblich.
Das Center for Visual Music in Los Angeles verwaltet seinen kompletten Nachlass, arbeitet bis zu ihrem Tod mit Fischingers Frau Elfriede zusammen. Vom CVM stammen die online auffindbaren Bilder von Fischingers Arbeiten, die Texte zu ihm, sogar die Definitionen für visuelle Musik. Was nicht freigegeben ist, wird aus dem Netz genommen. Leider verhindert das auch, dass Fischinger auftaucht.
Eine traditionelle Vorstellung von Copyright, die heute in der Praxis wenig Anwendung findet: AV-Künstler haben ihre eigenen vimeo-Kanäle. Heike bekommt ständig Post von Künstlern, die ihre Arbeiten veröffentlicht sehen wollen.
Sie selbst hat nie Restriktionen gemacht, was ihre Arbeiten angeht – und gerade dadurch Jobs generiert. In ihrem Fall heißt das: Vorträge, Seminare, Workshops, Lehre, Vermittlung, Coaching. “Bücherregale sind Prestige, Internetauftritte sind Werkzeuge für meine Akquisition.”
Heike Sperling hat über das Goetheinstitut eine Künstlerresidenz erhalten. Sie wird einen Monat in Los Angeles verbringen, beim Center for Visual Music und deren Archive durchforsten.

Heike Sperling

„Ich bin keine Sammlerin. Kubrick war ein Sammler. Abgesehen davon, dass ich mich nicht mit Kubrick vergleichen will, habe ich auch nicht dieses Manische.“ Heike Sperling. Foto: Thomas Spallek

(01) Wunderkammer: „Die Sammlungen bezweckten, [...] eine Weltanschauung zu vermitteln, in der Geschichte, Kunst, Natur und Wissenschaft zu einer Einheit verschmolzen. Im Gegensatz zur Scholastik des Hoch- und Spätmittelalters, die alle Wissensgebiete von einem abstrakten Standpunkt aus erfasst hatte, bedeutete die Wunderkammer Erkenntnis aus vielfältiger Betrachtung und damit die Abkehr von der auf Aristoteles sich berufenden spekulativen Methode.“ Quelle: Wikipedia
 (02) Mark Pellington – erster Artdirector von MTV, macht Musikvideos und Spielfilme

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