Text: Sascha F. Maxim
Gla|mour ['glæmə ] ( v. engl. grammar [schrift]gelehrsam )
bezeichnete ursprünglich die magisch-okkulte
Fähigkeit der Geisterbeschwörung.
Ihr wisst schon selber, woher diese Erklärung stammt.
Am Anfang war das Wort. Oder sogar nur ein paar Buchstaben.Auf einem Kleidungsstück. Auf einer Tasche. Auf einer Plastiktüte. Hauptsache die Aufschrift war in lateinischen Lettern. Man brauchte wirklich nicht mehr als das, um Ende der 80er Jahre in der Sowjetunion Magie auszustrahlen.
Natürlich ist es unmöglich zu sagen, von welcher Art Magie wir hier sprechen. Manchmal ist sie weiß, manchmal schwarz. Am ehesten sind es beide Arten zugleich. Im Prinzip hat sich sehr wenig an der Sache getan. Welche Gefühle empfindet man heutzutage bei der Ansicht einer Person, die wir verallgemeinernd als » glamourös « bezeichnen? Neid? Bewunderung? Hass? Begierde? Alles gleichzeitig? Alles gleichzeitig.
Der metaphysische Unterschied zwischen einer ALDI - Tüte in der Sowjetunion der späten 80er Jahre und einem zig tausend Dollar Outfit heute ist gar nicht so groß. Aber doch gigantisch.
Man stelle sich nur vor, welch eine komplexe Verkettung unglaublicher Umstände aufeinander haben treffen müssen, damit ein Stück beschriftetes Plastik in einem riesigen, abgeriegelten KGB - Land auftauchen konnte. Und welch eine Fülle von Bedeutungen wurde dann in den glücklichen Händen getragen. Vitamin B, Freunde im Ausland, Botschaft, Visa, Adventures, Europa, Freiheit, Dollar, Jeans und Kaugummi … Kurz gefasst: Sex, Drugs and Rock-n-Roll. Also die volle Tüte. Bei dem heutigen zig tausend Dollar Outfit sind nur noch die Dollar erhalten geblieben. Dafür aber sehr viele.
Ebenfalls damals, in den 80ern, hat sich der noch nicht geborene russische Glamour endgültig, also für immer und ewig, begrifflich und inhaltlich von Individualität in unserem Sinne losgelöst. Denn schon zu jener Zeit, als alle 250 Millionen Sowjetbürger mehr oder weniger die gleichen Sachen trugen, welche nur als kollateraler Ausstoß überproduzierender Militärfabriken überhaupt zur Welt kommen konnten, war es doch irgendwie ein kleines bisschen peinlich selbstgenähte Kleidung zu tragen. Umso peinlicher, wenn diese wie ein importiertes Original aussehen sollte, es aber nicht ganz schaffte. Und besonders beschämend, beinahe skandalös, erschien den Kennern der Versuch selbstgenähte Sachen mit lateinischen Buchstaben zu beschriften. Ist da nicht eine schreiende Diskrepanz zu spüren? Echte Blasphemie. Noch schlimmer als eine chinesische Rolex für 8 USD heute. Denn es ging den Kennern überhaupt nicht darum, wie nah am Original das konkrete Kleidungsstück gefälscht wurde. Nein, was zählte war allein der Produktionsort. Ist es in deiner Küche produziert oder in einer westlichen Fabrik? Die Frage war also, was einen sexy, individuell und cool macht. Ein lateinisch beschriftetes Erzeugnis westlicher Massenproduktion oder selbst genähtes, individuelles Design? Das ausländische Massenprodukt war eindeutig cooler, bleibt es auch heute, muss dabei aber sehr teuer sein.
Was in den nächsten 20 Jahren mit dem russischen Glamour geschah, ist leicht darzustellen: 1991 kostete ein Barrel Öl ca. 20 USD, 2000 ca. 40 USD, 2004 ca. 60 USD, 2006 ca. 80 USD, 2008 ca. 140 USD.
Dementsprechend stieg in Russland auch die Nachfrage nach lateinisch beschrifteten, westlichen Gütern. Ab Anfang 2000 in einem hysterischen Ausmaß. Natürlich war es ein langer, steiniger und kostspieliger Weg von der Aufschrift »ALDI« zu der Aufschrift »Bentley«.
Der Luxuszustrom hat den Sex -Drugs-Rock-n-Roll ) - Appeal der metaphysischen ALDI - Tüte weggespült und sie musste nun mit neuen Inhalten gefüllt werden. Geblieben sind nur die banalen Dollar als Ersatz für die ursprüngliche Magie.
Obwohl, nein… Es gab doch einen Versuch. Im Jahr 2006 hat der russische Glamour - Designer Denis Simachev ein T-Shirt mit einer kyrillischen Aufschrift, und zwar » « ( »ÖL « ) entworfen. Mehr hatten die Russen wirklich nicht zu bieten.
Ungefähr 2007 kam es zu den ersten Ermüdungserscheinungen auf dem russischen Glamourmarkt; das war, als die Teilnehmer des Rennens bemerkten, dass sie sogar durch noch so immense Geldausgaben keinen wirklichen Vorsprung vor den anderen Mitstreitern erreichten.
Man muss sich nur die Situation vorstellen: Du gibst 300.000 USD für eine Uhr aus, und dann erscheint auf einer Pressekonferenz ein alter, fetter Vize-Bürgermeister von Moskau mit einer Uhr für 1 Millionen. Und du sitzt da, wie der letzte Penner.
2007 wurden moskauweit mehrere Antiglamour-Partys angekündigt. Man wurde aufgerufen sich im Antiglamour -Stil zu kleiden und hoffte damit, eine neue Seite in der russischen Glamourgeschichte aufzuschlagen. Vergeblich. Die Antiglamour - Idee in Moskau war ein totaler, gewaltiger Flop. Denn von allen Beteiligten unbemerkt hat sich Glamour in Moskau inzwischen zu der einzig möglichen Lebensform für alle mehr oder weniger wohlhabenden Moskauviten entwickelt. Aus dem einfachen Grund, weil sich keine Alternativen zu lateinisch beschrifteten Luxusgütern und Banknoten entwickelt haben.
Nehmen wir zum Beispiel Kleidung. Man kann sich unmöglich antiglamourös anziehen, weil jeder Versuch auf teuere westliche Kleidung zu verzichten unvermeidlich zum Tragen billiger Kleidung führen muss, die vom ganzen übrigen Land alltäglich getragen wird. Das wäre dann kein Glamour-Karneval, sondern eine Parodie auf die russische Bevölkerung.
Anderes Beispiel: Die unzähligen Geländewagen, die die Moskauer Straßen überfüllen. Es kann sein, dass der Besitz eines solchen Monstrums in den europäischen Städten als reine Angeberei zu deuten ist. Aber in Russland, wo keine einzige Autobahn zwischen zwei Städten existiert, ist ein Geländewagen definitiv kein Luxusgut.
Weiteres Beispiel: Jetset. Wie schön. Abendessen in London. Frühstück in Paris. Aber die meisten reichen Russen haben immer einen gepackten Koffer hinter der Tür, einen Pass mit gültigem europäischem Visum in der Tasche und ein zweites Anwesen im Ausland. Für den Fall, dass… Naja, das wäre dann ein anderes Thema. Das Leben zwischen mehreren Ländern ist dabei kein Vergnügen, sondern eher eine lebensrettende Maßnahme.
Alles in allem ist das, was vom Ausland aus wie dekadenter russischer Glamour scheinen mag, für die reichen Russen schon lange kein Spaß mehr, sondern äußerst teure Routine. Ein Netz, das einen festhält. Die Magie ist weg. Und während die jungen Russen krankhaft ihr ganzes Geld ausgeben, um wie die Reichen auszusehen, würden viele Reiche sicher gerne ihren »glamourösen« Lebensstil gegen einen ganz normalen, europäischen, mittelständischen Standard tauschen, wenn Russland diesen Lebensstandard zu bieten hätte.
Mit der Bitte über Glamour in Russland zu schreiben, hat mir die Kraut-Redaktion gleichzeitig eine Liste mit einigen Fragen eingereicht, die ich nach Möglichkeit oligarchischen Fotografen stellen sollte.
Zum Beispiel:
»Wie stehen sie zum Verhältnis von Macht, Geld, Glamour und Kunst«?
Um diesen Auftrag zu erledigen, begab ich mich zur Eröffnung des Festivals »Fototravel«, wo 48 russische Fotografen ihre auf Reisen geschaffenen Werke vorstellten. Es gab unter diesen 48 Fotografen sechs bis sieben äußerst reiche Russen, die sehr viel Zeit und Geld investieren, um ihre zweifellos schönen Fotos aus den unglaublichsten Perspektiven, in den entlegensten Teilen der Welt zu schießen.
Im Rahmen der offiziellen Eröffnung des Festivals sollten Preise für die zehn besten Fotos verliehen werden. Ich beobachtete die Fotografen. Männliche und weibliche, junge und alte, reiche und arme Künstler umringt von Freunden und Familienmitgliedern; sie standen und warteten gespannt auf die Entscheidungen der Jury, nahmen dann entweder mit Freude ihre Preise entgegen oder gingen leer aus. Als die Zeremonie zu Ende war, standen die meisten Oligarchen mit leeren Händen und enttäuschten Gesichtern da. Und dann dachte ich mir: »Mein Gott! In diesem durch und durch korrupten Land könnte jeder von diesen Oligarchen/Fotografen problemlos nicht nur die gesamte Jury kaufen, sondern obendrauf auch dieses Ausstellungsgelände, um seinen Preis zu bekommen. Aber was machen sie? Sie stehen da und warten darauf, wie die Meister ihre Werke beurteilen. Sie nutzen ihre Macht und ihr Geld, um vom alltäglichen Moskauer Glamour nach Sibirien zu fliehen, um dort dann einen Eisbären von einem Hubschrauber aus zu fotografieren. Und das nur, um sich mal eine Minute lang nicht als glamouröser Oligarch unter dem Arbeitervolk, sondern als Künstler unter Künstlern zu fühlen.«
Da die Frage geklärt war, sah ich meinen Auftrag als erledigt an und fuhr nach Hause. Es schneite. Die Straße war matschig. Eigentlich ist sie immer matschig, wenn kein Sommer ist. Aber im Winter werden die Moskauer Straßen mit einem Spezialsalz bestreut, das das Eis auflöst. Das Ergebnis dieser Maßnahme ist eine schwarze, klebrige Masse aus geschmolzenem Eis und Schnee, Schmutz, Staub, Schmierstoffen und unzähligen weiteren Substanzen.
Im Stau stehend beobachtete ich gelangweilt, wie jemand hinter getönten Scheiben seinen riesigen Range Rover Vogue ( Neupreis 120.000 EUR ) ungeschickt in eine Parklücke hineinzupressen versuchte. Als der Geländewagen endlich zur Ruhe kam, öffnete sich die Tür. Im weißen Ledersalon saß eine schöne junge Blondine. Vielleicht 20 ? Weißer Pelzmantel, weiße Leggings und hohe weiße Lackstiefel vervollständigten das Bild. Ein langes Bein kam aus dem Auto hervor und blieb in der Luft hängen… Die Räder des Autos standen fast bis zur Hälfte in einem Meer aus Matsch. Der Stau bewegte sich. Schade, die Szene war noch nicht zu Ende. Mit Bedauern fuhr ich weiter und dachte wieder über russischen Glamour nach.
Ich arbeite seit einem Jahr in Moskau, trage überall einen schwarzen Kapuzenpulli für 20 Euro. Und strahle Unmengen von Magie aus. Ich rufe Neid und Bewunderung, Hass und Begierde hervor
− weil ich etwas besitze. Ein lateinisch beschriftetes Erzeugnis deutscher Produktion, das man für kein Geld der Welt erwerben kann. Ich meine meinen deutschen Reisepass.
That’s real Russian glamour.