Es gibt niemanden, der nicht schon einmal dem rührenden, voyeuristischen Zauber eines Kriegsfilmhelden erlegen ist – oder zumindest dem eines Tier -macht - Sachen-Videos auf Youtube. Wenn sich nun beides vereint und uns mit seiner kriegsgeplagten und knopfäugigen Liebenswürdigkeit in die Knie zwingt, sind wir da, wo wir nie sein wollten: In der Wirklichkeit. In diesem Fall, der skurrilen Wirklichkeit der Träger der Dickin Medal of Honor, jener legendären höchsten Auszeichnung, die die PDSA einem Tier verleihen kann – gleichzusetzten etwa mit dem Victoria Cross der Royal Army. Von den 54 Trägern sind Judy die Hündin, Simon der Kater und Mary die Taube unter den drei Ehrenvollsten, während Wojtek der Bär die Frage aufwirft, ob uns Walt Disney nicht vielleicht einen gewaltigen Bären aufgebunden hat, als er von seinem Reich der Fantasie faselte.
MARY
OF EXETER
E ine der 250.000 Brieftauben, die Großbritannien in den zweiten Weltkrieg entsendet, ist Mary. Die petite Taube steht fünf lange Jahre im Dienst des strategisch unerlässlichen, englisch-französischen Nachrichtendienstes und wird im Laufe des Krieges vier Mal lebensgefährlich verletzt. Sie ist ständiges Ziel der deutschen Streitkräfte, die ihr bis zum Kriegsende mehrere Granatsplitter in Brust und Hals verpassen, den Flügel mit einer Kugel durchschießen, ihren Schlag zerbomben (und dabei bis auf Mary und einer Handvoll anderer Vögel keine Überlebenden zurücklassen) und ihr eigens für diesen Zweck abgerichtete Adler auf den Hals hetzten. Ein Adler des Reiches bekommt sie tatsächlich zu fassen: Er durchbeißt ihr den Hals, aber sie überlebt ihren übermächtigen Angreifer und schafft es ein weiteres Mal zurückzukommen. Ihr Besitzer, Mr. Brewer aus Exeter, wendet all sein Wissen als Schuhmacher auf den geliebten Stolz seiner Zucht an und flickt ihr immer wieder die grauenvollen Wunden, um die unerschrockene Botin zurück an die Front schicken zu können. Bis zu Ihrem Tod 1950 leidet sie an Atemnot und muss eine Halskrause tragen. Dabei zählt ihr kleiner Taubenleib 22 Stiche bei einem Körpergewicht von 400 Gramm, was etwa 4000 Stichen am Körper eines 90 Kilogramm schweren Mannes entspricht.
V on einem minderjährigen Gefreiten in den Slums von Hongkong 1948 aufgegabelt und völlig ausgehungert auf die HMS Amethyst verfrachtet, wird beim Kapitän erfolgreich Bleiberecht für den Kater Simon erbettelt – unter der Bedingung, dass keine Ratte an Bord gesichtet werden darf. Sonst könne der Kater umgehend seinen Seesack packen und springen. Als das Schiff zum Routineeinsatz nach Nanking aufbricht, um ein Schutzschiff der britischen Botschaft abzulösen, ist Simon schon längst der heimliche Herr über das Schiff samt Ratten und Besatzung. Das freundliche Tier steht in jedermanns Gunst und schläft wie immer in der Kapitänskabine, als das Schiff völlig unerwartet in die nationalistisch-kommunistischen Ausschreitungen des Jangtse-Zwischenfalls gerät und dem Schusswechsel nicht standhalten kann. Der Kapitän wird noch in seiner Kabine tödlich verwundet, Simon schleppt sich mit Geschosssplittern in Brust und Beinen an Deck. Er wird notdürftig verarztet und übersteht tatsächlich die Nacht. Kaum gesundet nimmt er seine Pflichten auf dem mittlerweile rattenverseuchten Schiff wieder auf und schafft das Unmögliche: Im Alleingang durchbricht er die Nagerfront und erlegt zuletzt die gefürchtete Riesenratte Mao Tse Tung, die bei der Besatzung als Anführer der Plage gilt. Man feiert den Helden gebührend, doch trotz Nahrungs- und Treibstoffmangel beweist Simon nun sein wahres Talent: Die Matrosen sind verwundet, ausgemergelt und traumatisiert ob der ständigen Gefahr, in der sie sich seit Monaten befinden, und es wird Simon sein, der immer mehr Zeit unter Deck in den dunklen Quartieren verbringt, um auf heimwehgeplagten Matrosenbäuchen zu schlafen und von ihren zittrigen Händen gestreichelt zu werden. Seine eigenen Wunden machen die der Soldaten erträglicher, bis das Schiff endlich auf Verstärkung trifft und Simon bei seiner Ankunft in England als Held und einziger kätzischer Empfänger der Dickin Medal bejubelt wird.
ABLE SEACAT SIMON
V on einem minderjährigen Gefreiten in den Slums von Hongkong 1948 aufgegabelt und völlig ausgehungert auf die HMS Amethyst verfrachtet, wird beim Kapitän erfolgreich Bleiberecht für den Kater Simon erbettelt – unter der Bedingung, dass keine Ratte an Bord gesichtet werden darf. Sonst könne der Kater umgehend seinen Seesack packen und springen. Als das Schiff zum Routineeinsatz nach Nanking aufbricht, um ein Schutzschiff der britischen Botschaft abzulösen, ist Simon schon längst der heimliche Herr über das Schiff samt Ratten und Besatzung. Das freundliche Tier steht in jedermanns Gunst und schläft wie immer in der Kapitänskabine, als das Schiff völlig unerwartet in die nationalistisch-kommunistischen Ausschreitungen des Jangtse-Zwischenfalls gerät und dem Schusswechsel nicht standhalten kann. Der Kapitän wird noch in seiner Kabine tödlich verwundet, Simon schleppt sich mit Geschosssplittern in Brust und Beinen an Deck. Er wird notdürftig verarztet und übersteht tatsächlich die Nacht. Kaum gesundet nimmt er seine Pflichten auf dem mittlerweile rattenverseuchten Schiff wieder auf und schafft das Unmögliche: Im Alleingang durchbricht er die Nagerfront und erlegt zuletzt die gefürchtete Riesenratte Mao Tse Tung, die bei der Besatzung als Anführer der Plage gilt. Man feiert den Helden gebührend, doch trotz Nahrungs- und Treibstoffmangel beweist Simon nun sein wahres Talent: Die Matrosen sind verwundet, ausgemergelt und traumatisiert ob der ständigen Gefahr, in der sie sich seit Monaten befinden, und es wird Simon sein, der immer mehr Zeit unter Deck in den dunklen Quartieren verbringt, um auf heimwehgeplagten Matrosenbäuchen zu schlafen und von ihren zittrigen Händen gestreichelt zu werden. Seine eigenen Wunden machen die der Soldaten erträglicher, bis das Schiff endlich auf Verstärkung trifft und Simon bei seiner Ankunft in England als Held und einziger kätzischer Empfänger der Dickin Medal bejubelt wird.
WOJTEK, DER LÄCHELNDE KRIEGER
1942 durchwandert eine Truppe polnischer Kämpfer das Ziel der russischen Notevakuierung nahe dem iranischen Hamadan, als sie auf einen Jungen trifft, der nichts besitzt außer einem geheimnisvollen Bündel. Er übereignet den Sack den Soldaten, im Tausch gegen einige Konserven. Über den Inhalt des Bündels staunen die Soldaten nicht schlecht: Vom Boden des Beutels starrt sie ein kleiner Bär mit Schluckbeschwerden und hungrigen Knopfaugen an. Die Polen nehmen sich seiner an, füttern ihn mit Milch und Sirup aus (fast) leeren Wodkaflaschen – und bereiten den jungen Bären damit auf das raue militärische Leben vor. Wojtek entpuppt sich als liebenswerter, etwas ruppiger Bierliebhaber, der sich für nichts zu schade ist: Tagsüber patroulliert er pflichtbeflissen, ringt mit den Soldaten zum Zeitvertreib, und wird abends mit seinem Anteil am Wodka und der ein oder anderen Zigarette belohnt, die er sich anzünden und in den Mund stecken lässt, um einige Züge zu nehmen, bevor er sie genüsslich verspeist. Was wie ein absolut legitimes Argument für die Ausrottung der Menschheit durch PETA klingt, ist besser als alles, was Wojtek vom Leben im Sack hätte erwarten können: Er gedeiht zu einem 1,85 m großen, 220 kg schweren Koloss, der, nachdem er offiziell zum Gefreiten der 22. Artillerie ernannt und mit der Truppe nach Italien beordert wird, dank seiner übermenschlichen Körperkraft schwere Geschosse im Alleingang anliefert – ohne je eine Kiste fallen zu lassen. Diese Episode aus der Schlacht von Monte Cassino macht Wojtek endgültig zum Kriegshelden und lässt ihn zum Wappentier seiner Einheit aufsteigen. Das Ende des Zweiten Weltkriegs macht aus Wojtek einen zivilen Bären. Er kommt in den Zoo von Edinburgh, wo ihn von Zeit zu Zeit seine alten Kameraden besuchen, um auf ein Bier heimlich ins Gehege zu springen und ihm Zigaretten oder den ein oder anderen Brocken Polnisch zuzuwerfen – die einzige Sprache, auf die Wojtek bis zu seinem Tod reagiert.
MASCOT JUDY
Judy war ein Wunder, von Anfang an.
Geboren 1937 in Shanghai, meldet sich die braungefleckte Hündin an Board der HMS Gnat gehorsamst zum Dienst – als Schiffsmaskottchen unter der Flagge der Royal Navy. Tatsächlich soll sich diese Bezeichnung im Zuge der folgenden Ereignisse als bestenfalls bizarres Beispiel für britisches Understatement entpuppen: Abgesehen von diversen, haarsträubenden Unfällen ( darunter ein Fall von der Rehling), die Judy unbeeindruckt überlebt, erweist sich die junge Hündin mit dem feinen Gehör bald schon als unfehlbares Bomber-Frühwarnsystem. Ganz besonders dramatisch wirkt vor diesem Hintergrund das Bild der sinkenden HMS Grasshopper, ihrer zweiten Station als Schiffshund, nach der völligen Zerstörung durch japanische Kampfbomber. Die Überlebenden retten sich auf eine kleine unbewohnte Insel ohne nennenswerte Nahrungsquellen, aber Judy schafft es nicht, nicht mit den anderen. Erst zwei Tage später taucht sie völlig unverhofft und ölverklebt am Strand auf. Sie beginnt unverzüglich ein Loch in den Sand zu graben, bis sie die rettende Süßwasserquelle freilegt und damit allen Gestrandeten das Leben rettet. Auf einem gekaperten, chinesischen Schiff gelangt man bis nach Sumatra – um dort allerdings nach einem 200 - Meilenmarsch den Japanern in die Arme zu laufen.
Fünf Tage lang unter Reissäcken verborgen schmuggelte man Judy an den japanischen Wachen vorbei ins Gefangenenlager. Während des nun anbrechenden, jahrelangen Martyriums lernt Judy den Gefreiten Frank kennen und lieben. Um sie am Leben zu erhalten, teilt der junge Pilot seine tägliche Schüssel halbgaren Reis mit ihr. Im Gegenzug wird sie nicht müde, die feindlichen Peiniger bei der Dienstausübung zu sabotieren, die eigenen Kameraden vor anrückenden Wachen, Skorpionen und Schlangen zu warnen und mithilfe eines ihrer eigenen Jungen dringend benötigte Lebensmittel ins Frauenlager zu schmuggeln. Frank wiederum nutzt den Umstand einer Judy in Umständen dazu, dem japanischen Befehlshaber im Suff jene legendäre Unterschrift abzuknöpfen, die Judy als, von nun an offiziellen ( und bis heute einzigen tierischen ), Kriegsgefangenen mit entsprechenden Rechten bestätigt – im Tausch gegen eines ihrer Jungen. Zwei Jahre später erfolgt die Überführung der Gefangenen nach Shanghai: Hunde sind an Bord nicht zugelassen, weshalb Frank Judy in kürzester Zeit beibringt, wie sie sich in einem halbvollen Sack Reis tot zu stellen hat. Der Soldat reiht sich ein in Hunderte von Gefangenen. Stundenlang müssen sie unter der sengenden Hitze an Deck stramm stehen – Frank mit einer regungslosen Judy über die Schulter gehievt, alle anderen mit Säcken voller Reis. Kurze Zeit später steht die SS Van Warwyck unter Beschuss und droht zu sinken, während Frank unter Deck eine schwere Entscheidung trifft: Verzweifelt stößt er Judy durch ein Bullauge in die Tiefen des Meeres. Auf seine eigene Flucht folgt jedoch die erneute Gefangennahme, diesmal ohne die kleine Kameradin. Aber schon bald sorgen seltsame Augenzeugenberichte für Gesprächsstoff im Lager: Man erzählt sich von einem Hund, der Halt suchenden Schiffsbrüchigen Treibgut zupaddelt, den eigenen Leib zur Rettungsboje umfunktioniert und Bewusstlose an Land zieht – da weiß Frank: Judy lebt. Auf wundersame Weise landet Judy in Franks Lager und der Gefreite wird den Moment, in dem er wieder in ihre „müden, blutunterlaufenen Augen“ blicken darf, Jahre später als Höhepunkt ihrer gemeinsamen Zeit beschreiben. In den Tropenwäldern von Sumatra wird Judy von den genervten Wachen endgültig ausgesetzt. Tagelang ernährt sie sich von Schlangen, Ratten und Affen – bis sie sich, von einem Alligator verwundet, einen Weg hinaus erkämpft und bei Kriegsende von ihren befreiten Kameraden nach England geschmuggelt wird. Hier wird ihr die Dickin Medal verliehen und die BBC sendet ein Exklusivinterview mit der Kriegsheldin. Aber Judys Weg endet nicht im Olymp der höchsten militärischen Ehren: Sie besucht mit Frank die Familien gefallener Mitstreiter, um die schlimme Botschaft erträglicher zu machen und dort Trost zu spenden, wo er am nötigsten ist. Zuletzt reisen die beiden nach Afrika – als Entwicklungshelfer. Zwei Jahre später muss Frank seine Judy, die an einem tödlichen Tumor erkrankt ist, einschläfern. Er verbringt ganze zwei Monate damit, ihr Grab in Tansania zu errichten.



