ERIC TABUCHI

ERIC TABUCHI MACHT BECHER-POP.“
AN DER SCHNITTSTELLE DEUTSCHER OBJEKTIVITÄT
UND AMERIKANISCHER MELANCHOLIE.
EIN INTERVIEW.
Interview:  Sinaida Michalskaja

Was hat deine fotografische Haltung geprägt?
Was meine Arbeit auszeichnet, ist wahrscheinlich – paradoxerweise – ein gewisses Misstrauen gegenüber der Fotografie, zumindest dann, wenn es sich dabei um eine eigenständige Praktik handelt. Oft spricht man von einer gewissen Distanz, die den fotografischen Akt bedingt. Was mich betrifft, so wahre ich stets eine gewisse Distanz gegenüber der Fotografie selbst.
In der Tat fotografiere ich Objekte ebenso sehr wie ich versuche die Fotografie zu objektivieren. Das typologische Arbeiten gibt der Summe den Vorzug über den Teil und befreit so von der Unruhe der Unentschiedenheit. In gewisser Weise bestreite ich so die individuelle Bedeutung der Fotografie. Dabei stelle ich fest, dass, sobald eine Serie einen gewissen Umfang überschreitet, sie absurd wird, denn je mehr man sich dem Ende einer Sammlung nähert, desto unverkennbarer wird die Eitelkeit, die einem solchen Unterfangen zugrunde liegt. Außerdem nimmt jede Serie immer auf der Basis dessen Gestalt an, was die fotografierten Objekte gemeinsam haben. Doch das, was ihnen Sinn und Rechtfertigung gibt, ist das, was sie unterscheidet.
Deine Fotos scheinen einerseits den Arbeiten von August Sander, den Bechers und der Düsseldorfer Schule verwandt zu sein, andererseits erinnern sie an die Bilderwelt des amerikanischen Road­trips. Würdest du deine Arbeit als eine Art Schnittstelle zwischen diesen beiden Traditionen bezeichnen?
Eine Schnittstelle, genau das ist es. Ich bin in Frankreich als Sohn eines Japaners und einer Dänin geboren und habe wahrscheinlich deswegen sehr früh über kulturellen Austausch und die Einflüsse, die sich daraus ergeben, nachgedacht. Ich würde sogar sagen, dass dieses Gefühl, zugleich von überall und nirgendwo herzukommen, meine Art die Welt zu begreifen und meine Arbeit vollkommen erfüllt. Dieser Gedanke der Schnittstelle oder Vermischung spielt also eine zentrale Rolle. Mein Freund Yann Rondeau hat das sehr gut formuliert: „Eric Tabuchi macht Becher-Pop.“ Ich bemühe mich die deutsche Objektivität und die amerikanische Melancholie in Einklang zu bringen, dabei die historische Grundlage und den Bezug zur Subkultur zu wahren, um es so zu meiner eigenen Identität zu machen.

Wie entwickeln sich deine Serien? Intuitiv oder nach Konzepten?
Meiner Meinung nach erhält ein Projekt dadurch seine Legitimität, dass der Zufall eine Intention kreuzt und umgekehrt. Diese beiden Punkte interagieren miteinander. Sie sind untrennbar. Der Künstler vermutet, die Umwelt schlägt etwas vor und wenn diese beiden Bahnen sich treffen, entsteht schließlich eine Serie. Abgrenzung und Ordnung, der gemeinsame Nenner meiner ganzen Produktion, findet sich natürlich in ihrer Konzeption wieder.

Wann und wie siehst du, dass eine Typologie beendet ist? Kann eine Typologie überhaupt jemals beendet werden?
Manche Serien erschöpfen sich von selbst, besonders dann, wenn sie an einen Kontext wie den einer Ausstellung gebunden sind. Das sind natürlich oft die sehr begrenzten Typologien, die im Wesentlichen unnatürlich sind, „Concept Stores“ zum Beispiel, die dann zu Ende sind, sobald das eigentliche Ziel – 28 Geschäfte zu fotografieren, die das Wort „Konzept“ in ihrem Namen haben – erreicht ist. Andere Serien wie verwahrloste Tankstellen, Denkmäler oder Wohn­mobile werden wahrscheinlich wgenauso lange andauern wie ich Fotos mache.

Worum geht es in der Mobile Home Series? Was ist das Besondere an diesen mobilen Wohnstätten und welche Bedeutung haben sie für dich?
Die Mobile Homes Series handelt natürlich von dem Dilemma zwischen Verwurzelung und Freiheit, Sicherheit und Abenteuer, Sesshaftigkeit und Nomadentum, von dem sehr menschlichen – aber zugleich illusorischen – Wunsch überall zuhause zu sein. Meine Familiengeschichte macht mich besonders anfällig dafür, in diesem fahrenden Zuhause ein Mittel zur Verlängerung der Reise zu sehen. Es bietet die für jedermann beruhigende Perspektive eines Dachs, welches Schutz vor der kommenden Nacht bietet. In meiner Kindheit sind wir viel gereist. Hinter unserem Peugeot 404 zogen wir einen zusammenklappbaren Wohnwagen der Firma Erka hinterher. Alles, was variabel, vielseitig, einziehbar oder herausnehmbar ist, kann sich für denjenigen, der kein wirklicher Abenteurer ist, als verführerisch herausstellen. Was aber häufiger passiert, ist, dass der Traum, zur Last geworden, irgendwo strandet und sich nicht mehr rührt. Das ist ein bisschen von alledem, worum es im Grunde geht.

In den Mobile Home Series scheint ein gewisser, dezent gesetzter Humor eine Rolle zu spielen. Ist für dich in deiner Arbeit Humor wichtig?
Humor ist natürlich eine sehr ernste Sache und wenn die Mobile Homes Series ganz besonders amüsant ist, dann ist das sicherlich deswegen, weil das im gewissen Sinne naive Projekt, sein Haus wie eine Schnecke oder Schildkröte zu transportieren, an sich zugleich bewegend und unfreiwillig ‚komisch‘ ist. Trotzdem lege ich Wert darauf zu betonen, dass es sich hierbei nicht um Spott, sondern vielmehr um Wohlwollen gegenüber diesen einzigartigen Projekten und all den Freiheitserwartungen, die dabei zum Ausdruck kommen, handelt. Allgemeiner ausgedrückt, glaube ich, dass ein Werk ernst sein muss, das schließt jedoch nicht aus, dass es eine gewisse Leichtigkeit oder Frechheit besitzen kann.

Hättest du vielleicht noch eine Antwort auf die Frage, die KRAUT führenden Containerexperten gestellt hat: Container – Warum der Hype?
Aus dem Gefühl heraus würde ich sagen, dass diese Begeisterung daher kommt, dass der Container ein sehr kindliches Objekt ist. Er erinnert, mit einer so charakteristischen Palette an Pastellfarben, an so etwas wie ein riesiges Legospiel, ein gigantisches Tetris oder ein mega pixel. Es ist wahrscheinlich sein spielerischer Aspekt, der ihn so verführerisch, anziehend und sympathisch macht.
Der Container ist auch ein mysteriöses und unverständliches Objekt. Der Container wirkt ohne zu diskriminieren, er transportiert ganz egal was: Luxusgüter oder wertlosen Nippes, geschliffenes Kris­tall oder wärmebehandeltes Plastik. Der Inhalt interessiert wenig.
Was man in Zukunft bewundern wird, ist dieses Objekt als minimalistische Skulptur und vielleicht wird er in tausend Jahren, wie die Amphoren des antiken Griechenlands, als wertvolles Relikt der Epoche, die man Globalisierung nannte, gesammelt werden.
www.erictabuchi.fr







 

 

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