STEPHEN SHORE

Stephen Shore aus der Serie Uncommon Places, 1973 - 1981, Self-portrait, New York, March 20, 1976 © Stephen Shore / Aperture Foundation

STEPHEN SHORE aus der Serie Uncommon Places, 1973 – 1981, Self-portrait, New York, March 20, 1976 © Stephen Shore / Aperture Foundation

 

THE STRAIGHT STORY
Text: Katharina Hauke

1947 wird Stephen Shore geboren. Henri Cartier-Bresson macht sich auf seinen fotografischen Roadtrip durch die USA, auch Jack Kerouac begibt sich „On the Road“. Und Nabokov schickt seine Lolita mit Humbert Humbert quer durch amerikanische Weiten.
Ob es an diesem magischen Jahr der Roadtrips liegt oder an seinem Namen: der New Yorker Fotograf Stephen Shore wird der Spur von der Ostküste zur Westküste folgen. Das mag esoterisch klingen, ist aber typisch für die US-amerikanische Erzählung, egal ob fiktional oder autobiografisch. Shores Geschichte und wie er sie selbst in seinem Road Trip Journal (2008) formuliert, erinnert erstaunlich an Paul Austers Protagonisten in Moonpalace, Marco Fogg: Der Autor und die Romanfigur wurden beide 1947 geboren. Fogg begibt sich aus biografischen Gründen auf eine Reise von New York bis an die Westküste Amerikas.
Schön und gut, aber: Fogg schreibt, Shore fotografiert, Foggs Geschichte beginnt mit der Entdeckung Amerikas, Shores mit der fotodokumentarischen Erschließung des Landes und und und. Und der zentrale Unterschied zwischen den beiden: Shores Reise führt ihn nicht in die Wüste, nicht in eine verwirrende Suche nach Identität, sondern auf eine klare und außergewöhnliche Fotografen-Karriere.

Erzählen wir die Geschichte nochmal von Anfang an.
Im Alter von 6 Jahren bekommt Stephen Shore seinen ersten Fotolaborkasten geschenkt. Er begeistert sich für die TV-Serie „Love That Bob“, die das Leben eines Starfotografen darstellt. Mit 11 Jahren bekommt er seine erste 35mm Kamera. Ein Nachbar schenkt ihm eine Ausgabe von Walker Evans Buch „American Photographs“. Er experimentiert mit verschiedenen Kameras, einer Ricoh, Nikon, Leica M2. Mit 12 Jahren fotografiert er Kinder auf dem Spielplatz und verkaufte deren Müttern die selbst erstellten 8“x 10“ Abzüge für 5 Dollar das Stück. Es folgt die erste öffentliche Präsentation seiner Fotografien in einer Bibliothek.
Schon zwei Jahre später erleben seine Bilder eine Vervielfachung ihres Wertes: Der 14-jährige Shore ruft Edward Steichen an, den Leiter des Museum of Modern Art. Er präsentiert ihm seine Bilder und der bärtige alte Steichen, Koryphäe der Fotografie des ausgehenden 20. Jahrhunderts, erwirbt drei Fotografien zu je 15 Dollar.
Dieses Geschäft bildet den Auftakt einer Beziehung, die bestehen bleibt, für die Öffentlichkeit aber erst 1976 wieder voll sichtbar wird, als das Museum ihm seine erste Einzelausstellung widmet.
Schon fünf Jahre zuvor erkennt das größte Museum New Yorks sein Potenzial und widmet ihm eine Solo-Schau: Das Metropolitan Museum of Art. Er ist der zweite noch lebende Künstler, der eine Einzelausstellung im Met bekommt. Er ist 23 Jahre alt. Vor ihm kam nur Alfred Stieglitz.
„Also ganz ehrlich, ich fand es irgendwie irritierend, im Met auszustellen. Ich war eigentlich zu jung, 23. Natürlich erhofft sich das jeder, dann passiert‘s und du denkst: Mein Gott, was soll ich denn jetzt bloß machen?“
Glücklicherweise ist er noch in einer weiteren Ausstellung zu sehen, zur selben Zeit, an anderem Ort, in der 98 Greene Street Loft von Holly Solomon. Die Galeristin lässt die Künstler ausstellen, was sie wollten. Shore zeigt in „All the Meat You Can Eat“ seine Sammlung konfiszierter Fotos aus den Archiven der Polizei und der Staatsanwaltschaft. Darunter pornographische und autoerotische Polaroidaufnahmen. Postkarten, Poster. Fotodrucke der US- und auch der russischen Staatsdruckerei, letztere stark retuschiert.
Wie ist er zu einer solchen Kunstauffassung gekommen?
Weil New York klein ist, oder: wie es das Schicksal so will, trifft er mit 17 Jahren auf Andy Warhol. Shore verbringt Zeit in Warhols Factory, in der sich junge Undergroundkünstler treffen, um Projekte zu machen, Filme, Musik und Happenings. Oder um abzuhängen.
Shore bekommt schnell Aufgaben als Assistent: Er baut die Kameras für Warhols Filme auf, sorgt für die Lichtshows bei den The Exploding Plastic Inevitable Performances und Happenings. Dort trifft er unter anderem auf The Velvet Underground und Nico.
Zwischen 1965 und 1967 dokumentiert Shore die Factory mit der Fotokamera: ihre Künstler, Besucher, die Aktivitäten und Alltäglichkeiten. 1995 widmet er ihnen das Buch: „The Velvet Years“.
Shore verlässt die Factory 1967, ein Jahr vor dem missglückten Attentat auf Andy Warhol. 1968 erscheint eine Auswahl von Shores Factory Fotos im Katalog zu der Andy Warhol Schau im Moderna Museet, Stockholm.
„Ich denke nicht darüber nach, wovon ich mich losgesagt habe, obwohl, wenn ich so die letzten zehn, fünfzehn Jahre Revue passieren lasse, muss ich feststellen, dass ich tendenziell eigentlich nur das tue, was mir Freude macht und was mich herausfordert.“

1970 lernt Shore ein Jahr lang bei Minor White, einem der einflussreichsten Fotografen des 20. Jahrhunderts und Vertrauter von Steichen. Er interessiert sich für die technischen Möglichkeiten der Fotokamera – er hält Straßenkreuzungen mit Infrarotfotografie fest – und für die formalen, im Stil der aufkommenden Konzeptkunst entstehen Serien wie „Institute for General Semantics, Lakeville, Conneticut, 1970“.
Derweil verschiebt sich sein inhaltliches Interesse hin zu den Themen Robert Franks. 1955 erhielt Frank das Stipendium der Guggenheim Stiftung und während seines anschließenden Roadtrips thematisierte er das alltägliche, sogar das banale Amerika.
Diese erweiterte Vorstellung von Ästhetik entspricht Shore, der durch die Factory den Pop kennen gelernt hat und einen differenzierten Blick auf seine eigene Kultur wirft: All das Triviale, das deutlich vom Ernsthaften unterschieden werden sollte, die Oberfläche, Dinge, die aus unserem Fokus gerückt sind, weil sie so alltäglich sind, dass wir sie nicht mehr wahrnehmen.

Die Wirklichkeit ist auch in Farbe, kontert Shore, und wechselt von der Schwarz-Weiß- zur Farbfotografie.
Er imitiert äußerlich die Amateurfotografie, lässt Kodak-Abzüge im Format 3“x5,5“ machen, die eine Sammlung von Banalem und Oberflächlichem aus dem Amerika der 70er zeigt. Sie erinnern an Schnappschüsse.

„Bis ich 23 war, spielte sich mein Leben vorwiegend auf wenigen Quadratkilometern in Manhattan ab. 1972 machte ich mich mit einem Freund zusammen nach Amarillo, Texas, auf. Ich hatte noch keinen Führerschein, also wurde mein erster Blick auf Amerika vom Beifahrerfenster eingerahmt.
Es war ein Schock. Ich fand mich in einem öden Niemandsland dieser Erde wieder [...]“
In Amarillo fotografiert er Straßenecken und Gebäude, die er als Postkarten abdrucken lässt.
Shore macht noch im selben Jahr seinen Führerschein und zieht erneut los, sein Land zu erkunden. Nur wenige Monate später wird das Resultat seiner Reise, American Surfaces, in der Light Gallery, New York, ausgestellt. Die Galerie dient damals als ein beliebter Treffpunkt der amerikanischen Fotoavantgarde. Shore hängt die kleinformatigen Bilder rasterförmig, je drei Bilder übereinander, auf drei Wände des Raums verteilt. Eine Präsentationsform, die damals doch noch zu innovativ ist, für die Besucher eine Barriere darstellt und Shore verständnislose bis wütende Kritiken einbringt. Sich aber durchsetzen kann.

Schon 1973 packt Shore erneut die Koffer und seine Postkarten ins Auto, fährt los, sie überall in Amerika einzutauschen gegen andere, die er wiederum sammelt.
Von der Ostküste zur Westküste und zurück legt Shore ein Road Trip Journal an, das erst 2008 im Phaidon Verlag erscheint.
Tägliche Einträge illustrieren jeden einzelnen Tag: Fakten („no tv, no post cards distributed, no exposures made“), Zeitungsartikel („Giant Sunflower grown by Mrs. Mayfield“ und „Mrs. Pauline Shanks sitting beside her collection of tiny vases“), jeder einzelne Benzin- und Motel-Beleg, Theater- oder Park-Eintrittskarten und Postkarten. Von den Motels (innen und außen), Krankenhäusern, High-Schools, Kirchen und immer wieder Straßenkreuzungen.
Zwischen 1973 und 1979 folgen mehrere Reisen durch Nordamerika. Shore dokumentiert mit seiner Großbildkamera den Wandel der amerikanischen Kultur. Er bereist Orte, die seine großen Vorbilder fotografiert haben. Am „Merced River“ (Uncommon Places), einer Badestelle im Yosemite National Park, gesellt er sich in die Reihe Muybridge, Watkins, Adams, um nur einige zu nennen.
Noch 1972 hatte John Szarkowski ihn gefragt, wie präzise der Sucher an seiner Kamera sei. Mittlerweile, Mitte und Ende der 70er Jahre, dokumentieren Shores Arbeiten neben der amerikanischen Welt auch den Wandel in Shores Art zu fotografieren.
Die Wahl des Bildausschnittes wird klarer, präziser, der Zeitpunkt überlegter. Die Zwanglosigkeit und die Alltäglichkeit, die auch seine großen Formate auszeichnen, sind mit Bedacht gerahmt.
Noch 2007 in „Das Wesen der Fotografie“ betont Shore als die „grundlegenden Hilfsmittel eines Fotografen“ den Blickwinkel, den Ausschnitt, den Fokus und die Zeit. Das Buch widmet er Szarkowski.
„Fotografie zu lernen war für mich ein langer Entwicklungsprozess. Andere Leute haben mir geholfen, indem sie mir gute Fragen gestellt haben. Es kann Jahre dauern, bis man die Antwort auf eine gute Frage findet.“
1974 erhält Shore das Stipendium des National Endowment for the Arts, im Jahr darauf das Stipendium der Guggenheim-Stiftung, das auch seinerzeit Robert Frank auf seinem Road Trip unterstützt hatte.

 

Stephen Shore American Surfaces, 1972 - 2005, Aiken, South Carolina, June 1972 © Stephen Shore, courtesy Sprüth Magers, London

STEPHEN SHORE American Surfaces, 1972 – 2005, Aiken, South Carolina, June 1972 © Stephen Shore, courtesy Sprüth Magers, London

 

Stephen Shore Serie American Surfaces, 1972 - 2005, Montgomery, Alabama, June 1972 © Stephen Shore, courtesy Sprüth Magers, London

STEPHEN SHORE Serie American Surfaces, 1972 – 2005, Montgomery, Alabama, June 1972 © Stephen Shore, courtesy Sprüth Magers, London

 

Stephen Shore American Surfaces, 1972 - 2005, Tucumari, New Mexico, July 1972 © Stephen Shore, courtesy Sprüth Magers, London

STEPHEN SHORE American Surfaces, 1972 – 2005, Tucumari, New Mexico, July 1972 © Stephen Shore, courtesy Sprüth Magers, London

 

Während die 70er Jahren voran schreiten, verselbstständigt sich Shores Ge-schichte und verzweigt sich in diverse Ausstellungen in den Vereinigten Staaten, schon 1972 erstmals nach Europa, auf die Photokina in Köln.
1976 lernt Shore seine zukünftige Frau Ginger kennen. Sie begleitet ihn auf einigen Reisen, sofern es der Job zulässt, assistiert ihm und findet als Motiv Einzug in sein Werk.
Shore wird derweil ruhiger. Gegen Ende seiner 20er wirkt er geradezu gesettled. Er bearbeitet gerne konkrete Aufgaben wie 1977 zur Monet-Ausstellung im MoMA, NY. 1978 portraitiert er die Yankees, seine Lieblings-Baseballmannschaft, auf 8“x 10“ und mit entsprechenden Belichtungszeiten – eine Aufgabe, die er sich selbst gestellt hat.
Die Frage, die ihn in seiner Arbeit antreibt, „What problem am I going to solve next?“, kommt immer seltener auf. Die Zeit, visuelle Probleme zu lösen, scheint vorbei. Gemeinsam mit Ginger zieht er von New York nach Montana. Er widmet sich seinem neuen Hobby, dem Angeln, und genießt die beeindruckenden Landschaften.
Es dauert seine Zeit, bis Shore sich von dem Vorurteil frei machen kann, als Künstler dürfe er nur urbane, sophisticated Fotos machen.
Aber schließlich beginnt er, sich mit der ihn umgebenden Landschaft fotografisch auseinander zu setzen.
Er bereist weiterhin Amerika und Europa, fotografiert Städte und Landschaften in Farbe und seit Anfang der 90er auch wieder in Schwarz-Weiß. Letztere entstehen zu einer Zeit, als schwarz-weiß aus der Mode gekommen war und ist typisch für Shores Auseinandersetzung mit der Gegenwart.

Heute arbeitet er auch gerne digital, weiß die Vorteile der Nachbearbeitung zu schätzen, gerade in seinen kommerziellen Arbeiten. Sein neustes Werk in Sachen Modefoto: die Herbst-Preview von Urban Outfitters.
Auch für die freien Arbeiten kommt die Digitalkamera zum Einsatz: Seit einigen Jahren erstellt Shore iBooks: Das passende Format für seine digitalen Kleinbilder, die er schon im Hinblick auf das Endprodukt in diesem Format anlegt.

Ob damit die Geschichte von Stephen Shore am Ende angelangt ist? Nicht in absehbarer Zeit.
Da die Welt endlich bereit ist, seine Bilder zu lesen, wird Shore heute für das geehrt, was er vor 40 Jahren geleistet hat: Am 11. September 2010 erhält er den Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie e.V.. Ihm zu Ehren zeigt das NRW-Forum die Ausstellung „Der Rote Bulli. Stephen Shore und die Neue Düsseldorfer Fotografie“.
Die durchaus historisierend gemeinte Ausstellung erzählt die Geschichte von Shore und seiner Bedeutung für die Becher-Schüler derart offen, dass ab sofort nicht mehr nur im Flüsterton darüber geredet werden muss, wie stark Fotografen (alle Künstler) von ihren Vorbildern beeinflusst werden.
Damit ist eine Sicht der Dinge gegeben, die dem nächsten Projekt um Shore seinen Weg ebnet: Der La Brea Matrix.
Bis 2012 wird Shore mit seiner Chevron-Tankstelle von 1975 das Zentrum sein, um das sechs junge deutsche Fotografen seit 2009 kreisen: Jens Liebchen, Max Regenberg, Oliver Sieber, Olaf Unverzart, Robert Voit und Janko Woltersmann arbeiten, in ganz unterschiedlicher Weise, in der Tradition der New Color Photography – vor allem aber in der Tradition, die Shore beschreibt, als er schon 1977 erklärt: „Beaumont Newhall schreibt in seiner Abhandlung über Neue Richtungen, dass es in der Fotografie vier voneinander unabhängige Traditionen gibt; unmittelbare Fotografie (Weston), formalistische Fotografie (Moholy-Nagy), dokumentarische Fotografie (Cartier-Bresson) und Äquivalenz (Stieglitz; Minor White). Aber diese Traditionen müssen nicht unbedingt getrennt gesehen werden – in den besten Fotos sind alle vereinigt. Ich halte mich an diejenige Tradition, die alle vier Aspekte in sich trägt.“
Die Jungfotografen erforschen in freier Arbeit Aspekte der Bedeutung von La Brea und erarbeiten sich ihre Matrix: ihre Koordinaten in der künstlerischen Welt.
Denn nur wer sich verorten kann, seine Einflüsse kennt und reflektiert, der kann sie auch einsetzen, um sich schließlich als ein rundes und durchsichtiges Ganzes zu erzählen.
Endlich. Der Künstler nicht mehr das Genie, sondern das Kind seiner Zeit.

 

Stephen Shore Uncommon Places, 1973 - 1981, Ginger Shore, Causeway Inn, Tampa, Florida, November 17, 1977 © Stephen Shore / Aperture Foundation

STEPHEN SHORE Uncommon Places, 1973 – 1981, Ginger Shore, Causeway Inn, Tampa, Florida, November 17, 1977 © Stephen Shore / Aperture Foundation

 

Stephen Shore Uncommon Places, 1973 - 1981, El Paso Street, El Paso, Texas, July 5, 1975 © Stephen Shore / Aperture Foundation

STEPHEN SHORE Uncommon Places, 1973 – 1981, El Paso Street, El Paso, Texas, July 5, 1975 © Stephen Shore / Aperture Foundation

 

Stephen Shore aus der Serie Uncommon Places, 1973 - 1981, Merced River, Yosemite National Park, California, August 13, 1979 © Stephen Shore / Aperture Foundation

STEPHEN SHORE aus der Serie Uncommon Places, 1973 – 1981, Merced River, Yosemite National Park, California, August 13, 1979 © Stephen Shore / Aperture Foundation

 

Stephen Shore Uncommon Places, 1973 - 1981, El Paso Street, El Paso, Texas, July 5, 1975 © Stephen Shore / Aperture Foundation

STEPHEN SHORE Uncommon Places, 1973 – 1981, El Paso Street, El Paso, Texas, July 5, 1975 © Stephen Shore / Aperture Foundation

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