KIRILL GOLOVCHENKO

7 KM FIELD OF WONDERS
Text Pauline Schmidt

„Ich finde eigentlich, über Container sollte man Gedichte schreiben“, meint Kirill Golovchenko über die multifunktionale Box, die seine Fotostrecke „7 km – Field of Wonders“ maßgeblich beeinflusst. Der 1974 in Odessa geborene Fotograf zeigt mit dieser Serie ein Stück bunte ukrainische Lebens- und Handelsart und lichtet gleichzeitig den Ort ab, der sein Leben vor dem Umzug nach Deutschland prägte.

Sieben Kilometer westlich von Odessa liegt ein Staat im Staate, der Markt „Am siebten Kilometer“. In ihm regiert der Schiffscontainer. Nach und nach stellten die Odessiten hier reihenweise 16 000 Container auf. Nach Farben sortiert. Bei einer Fläche von über 70 Hektar belegt das „7 km“ das doppelte Gebiet der berühmten Mall of America in Bloomington.
Sechzig Prozent der Ukrainer kaufen ihre Bekleidung im „7 km“. Die durch­­­schnittliche odessitische Fami­lie kommt mindestens einmal im Mo­nat hierher, lädt ihren Wagen voll bis unter das Dach und fährt mit wackligen Dachkonstruktionen in die Stadt zurück. „In meiner Jugend waren wir im Schnitt alle zwei Wochen dort. In den 70 er und 80 er Jahren gab es in staatlichen sowjetischen Geschäften nicht wirklich etwas zu kaufen“, erinnert Golovchenko sich.
Der Verbraucher kann sich hier wohl fühlen. Alles, was ein Mensch zum Leben braucht , wird am „7 km“ in unendlicher Fülle angeboten und dies, auch für ukrainische Verhältnisse, zu unschlagbar niedrigen Preisen. Die meisten angebotenen Waren stammen aus China, der Türkei oder sind bemerkenswerte „Importe aus Odessa“. Der Klassiker Chanel No. 5 ist, mit mündlichem Echtheitszertifikat, für drei Dollar pro Flasche zu bekommen. Der Renner ist in „7 km“ die Hausmarke Addibas, sie hat hier ihr eigenes Prestige. „Die Leute sind stolz Addibas zu besitzen”, lacht Golovchenko.
Der größte Markt Europas beschäftigt insgesamt über 60 000 Menschen. Um Studium und Lebensunterhalt bestreiten zu können, rief der findige junge Golovchenko zusammen mit Freunden die Marke „Krokodil“ ins Leben. An Gürteln, die denen von der anderen Krokodilmarke verblüffend ähnlich sahen, fälschte er nur das „Made in Spain“ Schildchen. „Aber ansonsten war das schon ein Original“.
Für Golovchenko ist Odessa „die lustigste, lebensfrohste Stadt, die ich kenne. Nur diese Menschen konnten so einen Markt bauen. Man kann stolz sein, so etwas großartiges aufgebaut zu haben“.
Sein ältester Teil wird von den Ortsansässigen Pole Čudes ( = Feld der Wunder ) genannt. Dass das ursprüngliche „Feld der Wunder“ eigentlich im „Land der Dummköpfe“ liegt, ist dort allgemein bekannt, denn jeder ehemalige Sowjetbürger hat die russische Adaption Pinocchios von Alexej Tolstoi gelesen. In diesem Märchen wird der russische Pinocchio – „Burratino“ – mit dem Versprechen reich zu werden, auf das „Feld der Wunder“ ins „Land der Dummköpfe“ gelockt. Dort muss er seine Goldmünzen vergraben, tex pex mex sagen und sich gut ausschlafen, um am Morgen einen riesigen Geldbaum zu ernten.










 

Kirill Golovchenko: 7km – Field of Wonders
Snoeck Verlag, Köln 2009, 29,80 €
ISBN: 978-3-940953-31-5
www.kirillgolovchenko.com

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