Future Foto – Klaus Honnef

Prof. Klaus Honnef

www.klaushonnef.de

1939 geboren in Tilsit. Seit 1960 freier Journalist. Mitorganisator der documenta 5 und 6 in Kassel. Von 1979-1987 Deutscher Kommissar für die biennale trigon, Steirischer Herbst, Graz. 1980 Berufung als Honorarprofessor für Theorie der Fotografie an die Kunsthochschule Kassel durch den hessischen Kultusminister. Seit 1986 Vertretungsprofessuren und Lehraufträge an der Universität Trier, der Fachhochschule Köln, der Fachhochschule Hannover, der Universität zu Köln, der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, der Fachhochschule Hannover und von 2004-2009 Lehraufträge an der Bergischen Universität Wuppertal. Seit 2000 freier Ausstellungsmacher und freier Autor u. a. für „Die Welt“, „Kunstzeitung“ und „Kunstjahr“; „Eikon. Internationale Zeitschrift für Photographie & Medienkunst“, „Photonews – Zeitung für Fotografie“, „Künstler – Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst“. Lebt in Bonn.       

Wo sehen Sie die Zukunft der deutschen Fotografie und wie wichtig ist dabei die Tradition, die Bechers und das Konzept?
Ist es möglich, dass nach fast 40 Jahren Treue diese Tradition womöglich ausgeschöpft ist?

Bernd und Hilla Becher haben die dokumentarische Fotografie entschieden erneuert, indem sie das Prinzip der Serie nicht nur systematisiert, sondern gleichzeitig auch zu einer anschaulich plausiblen Form gebracht haben. Ihrer ästhetischen Methode entsprachen die klare Bildsprache, die ihre technische Basis stets betonte, und die Wahl der Motive aus der Welt der Industrie sozusagen passgenau. Ihr Praxis hat zur Theorie der Fotografie mehr beigetragen, als die meisten Ergüsse der universitären Theoretiker. Sie haben im Reich der Bilder ästhetische Maßstäbe gesetzt und die Blicke auf bestimmte Gegenstände des Realen gelenkt und geprägt. Ihr Art zu sehen und zu fotografieren hat Schule gemacht, ob sie eine Tradition begründet haben, wird sich in der Zukunft erweisen.Wenn sich eine ästhetische Neuerung im Laufe der Zeit durchsetzt und gegen die Herausforderungen des ästhetischen Verschleißes durch Kopie und un-inspirierte Variation behauptet, bildet sie eine Tradition aus. Ausschöpfen lässt sich eine solche Tradition nie. Das macht ihre Prägekraft aus. Auch die Bechers haben sich von ästhetischen Überlieferungen anregen lassen und diese intelligent variiert, weitergeführt und ihnen dabei neue ästhetische Impulse verliehen. Das Problem im Zeichen der massenhaften Verbreitung von Bildern besteht aber darin, dass sich die prägnanten formalen Merkmale leicht als bloße Floskeln ablösen lassen und so verselbständigen. Epigonen verstehen sich immer auf das Geschäft des Kopierens, bis die Dinge leere Klischee sind. Im Kielwasser der Traditionsbegründer versprechen sie sich durch Verflachung nicht zu Unrecht kommerziellen Erfolg. Dagegen hilft nur der radikale Traditionsbruch: ein anderer Blick, eine andere Methode, eine andere Haltung. Gott sei Dank kann ich nicht in die Zukunft blicken, und deshalb kenne ich auch die Zukunft der deutschen Fotografie nicht. Ich sehe in der Gegenwart viele interessante Ansätze, die aber von der Mainstream-gläubigen Kuratorengilde weitgehend ignoriert werden. Klo-Häuschen im seriellen, orthogonalen Becher-Stil, farbig oder schwarz-weiß, halte ich nicht für zukunftsträchtig.Jede Tradition erschöpft sich einmal, nach 40 Jahren gilt das eben Gesagte: Es ist viel zu früh, darüber zu urteilen.

Die Becherschule ist geprägt von großformatiger Fotografie. Einige Schüler haben sich von dieser ab- und den kleinen Bildern zugewandt.
Herr C. Schaden ist sogar der Meinung, dass in den kleinen Fotos die Zukunft liegen kann: „Nicht in den großen Fotografien, die meinen, sie müssten mich noch beeindrucken. Sondern in kleinen, die da hinten hängen und ich gehe hin, um sie mir anzusehen. Fotos, die mich bewegen.“
Auch in der Buchform sieht er eine mögliche Zukunft, ebenfalls in der Kombination des Mediums Fotografie mit anderen Medien (Zeichnung oder Video).
Was ist Ihre Vision? Wo hat die Fotografie noch Potenzial?

Wer Visionen hat, solle zum Arzt gehen, hat Helmut Schmidt einmal gesagt. Ich gehe nicht ganz so weit, möchte das Feld der Visionen aber den Künstlern und Fotografen überlassen. Tatsächlich hat sich durch einige – nicht alle – Schülerinnen und Schüler der Bechers das fotografische Großformat als überzeugendes ästhetisches Format auskristallisiert. Weder die Bilder Gurskys noch die von Hütte und manche von Höfer oder Esser könnten ihre Kraft im herkömmlichen Fotoformat wirkungsvoll entfalten. (Gleichzeitig hat übrigens Peter Lindbergh – um ein anderes Beispiel zu nennen – die ästhetischen Möglichkeiten des großen Formats intelligent, effizient und im Sinne seiner Motive verwendet). Ob sich ein Fotograf, eine Fotografin für ein kleines oder großes Format entscheidet, hängt 1) von dem fotografischen Motiv ab, 2) von den Zweck, dem das Bild dienen soll (Ausstellung, Buch, Handelsobjekt) und 3) von den Anforderungen und Nachfragen des Handels sowie den Launen der Kunstmoden. So lange die Menschen das Bedürfnis haben, sich in ihrer Welt zu orientieren, hat die Fotografie alles Potenzial – nur viele Künstlerfotografen verstehen es nicht zu nutzen. Die Realität verändert sich unablässig, die Blicke, die auf sie fallen, und die Techniken, sie ins Bild zu setzen. Was will man mehr?

Schaut man sich Fördernetzwerke für junge Fotografen an, so stellt man schnell fest, dass das Konzept auch in der jungen deutschen Fotografie eine große Rolle spielt. (Als Beispiel lässt sich anführen, dass auf der Seite von „Gute Aussichten“, die Fotografen zuerst mit ihrer Vita präsentiert werden, danach mit dem Konzept und erst dann sieht die Reihenfolge es vor, dass der Besucher der Website die Bilder der Künstler sieht.)

Ein Konzept als Konzept zu haben, ist kein Konzept, sondern substanzloses Herummachen. Den schönen Behauptungen meiner Künstlerfreunde aus der Ur-Gilde der Conceptual Artists zum Trotz: Es zählt immer nur das realisierte Ergebnis. Die originären Konzept-Künstler haben sich letzten Endes immer an diese Maxime gehalten, selbst Ian Wilson, auch wenn er nur geredet hat. Der Rest ist Schweigen; oder würde besser gar nicht erst begonnen.

Was für Chancen hat man als junger Fotograf, wenn man sich nicht in die strenge Düsseldorfer Tradition stellt?

Keine

Es ist klar: Wir müssen essen, trinken und schlafen. Aber wofür brauchen wir Kunst?
Welchen Stellenwert hat dabei die Fotokunst? Wo verortet man sie?

Im eigenen Leib. Fotografie ist eine Technik zum Herstellen von Bildern – wie anderen Techniken auch. Inzwischen ist sie künstlerisch legitimiert. Folglich schließt die Frage die ganze Kunst ein. Wir brauchen Kunst, weil sie uns zwingt, sich immer wieder dem Risiko auszusetzen, dem Gefühl der Unsicherheit, und vom Imperativ der Routine zu lösen. Gegen den Tod kann man sich nicht versichern lassen. Die Krise ist im Leben das Normale. Kunstwerke bergen ein hohes Potential des Nicht-Kalkulierbaren, Nicht-Vorhersehbaren. Um dessen gewahr zu werden, bedarf es indes einer großen Anstrengung seitens der Betrachter – das ist die Bedingung. Diese müssen sich freiwillig dem Risiko aussetzen, etwa des Nicht-Verstehens, der Des-Orientierung. Kunstwerke sollten den ganzen Körper ergreifen. Nur wer sich der Unsicherheit des Daseins stets bewusst ist, der subjektiven Vorläufigkeit allen Seins, verzweifelt nicht am Leben. Die meisten der sogenannten Kunstwerke heutzutage – vor allem auch der „Fotokunst“ – liefern nur falsche Bestätigung statt Herausforderung. Ästhetisches Mittelmaß; bestenfalls Dekoration. Schrecklich.

Sie sprachen im Bezug auf Fotografie schonmal von „technischer Bild-Ästhetik“ – was ist das? Und was ist ein ästhetisches Mittelmaß? Wie unterscheiden sie sich und sind es objektive oder subjektive Maßeinheiten?

Unter technischer Bild-Ästhetik verstehe ich eine Ästhetik, die wesentlich durch die Möglichkeiten u n d Grenzen eines technischen Mediums, Fotografie, Film, Fernsehen…, bestimmt werden – in puncto Bildsprache, Methode, Prinzip und Anmutung. Fotografien können übermalt werden, sprengen aber dann den Rahmen einer technischen Bild-Ästhetik. Das ist legitim und manchmal auch künstlerisch sinnvoll und inspirierend. Mit den Mittel der Fotografie malerische Effekte nachzuahmen – in meinen Augen – allerdings weniger.

Alle wissen, dass es keinen Wahrheitsanspruch in der Fotografie gibt und geben kann. Trotzdem scheint die Fotografie gerade durch diesen zu reizen und als Medium zu bestechten – wie funktioniert das? Was ist der Anspruch und der Reiz der Fotografie, wenn der Wahrheitsanspruch doch wegfällt?

Die Wahrheit hat mich nie interessiert; und wenn einmal provozierte sie nichts als Enttäuschungen. Es gibt halt viele Wahrheiten, und selbst die Fotografie hält einige parat. So kann man an Bildern beispielsweise ablesen, wie jemand zur Welt steht.

Es gibt eine Vielzahl von (künstlichen) Trennungen in der Fotografie: Fotografen und Fotokünstler, daneben noch die Fotodesigner. Die „Bildermacher“ und die „Bildfinder“, irgendwo dazwischen die Reportage-, Kriegs-, Food-, Lifestyle-, Werbe- und freie Fotografen. Hinzu kommt die Trennung von unmittelbarer, formalistischer, dokumentarischer und Äquivalenzfotografie.
Was macht den Unterschied zwischen dem alltäglichen Umgang mit einem weit verbreiteten Medium und der Produktion von Kunst? Wie wichtig sind für Sie diese Klassifikationen? Inwiefern machen diese Unterscheidungen einen Unterschied für Sie?

Klassifikationen sind wichtig für jene, die sie erfinden. Wissenschaftler zum Beispiel, wenn sie glauben, Haare spalten oder laut Karl Kraus noch auf der Glatze Locken drehen zu müssen. Künstler – und nur solche – haben wohl immer angestrebt, Grenzen zu verwischen, Gewissheiten zu unterminieren, der Wahrheit ein Schnippchen zu schlagen, das Sein mit dem Schein zu überformen – oder umgekehrt, je nach historischer Voraussetzung.

Was für Faktoren bestimmen den Wert einer Fotografie?
(Ist eine Fotografie wertvoll und wird deshalb von einem Sammler erworben oder wird sie erst durch den Kauf wertvoll?)

Keine Ahnung. Für den Kunstbetrieb und eine Gesellschaft, die alles nach dem Maßstab des Geldes bemisst, trifft zu, dass eine Fotografie durch einen hohen Preis auch einen hohen Wert erhält. Ein objektiver Faktor – immerhin. Meine Kriterien dürften die vorhergehenden Antworten herausgebildet haben und sind subjektiv – aber nicht willkürlich.

Submit your comment

Please enter your name

Your name is required

Please enter a valid email address

An email address is required

Please enter your message

Magazin

AUSGABEN KAUFEN
nrw-forum.de/shop

Twitter

  • about 2 hours ago

    KRAUTMAGAZIN: Ein Einblick, was Euch am Finale Resonanzräume-Abend erwartet. Helga de la Motte-Haber im Gespräch: http://t.co/f3WLzjM2

  • about 4 hours ago

    KRAUTMAGAZIN: Als das Kind Kind war, machte es kein Gesicht beim Fotografieren. Peter Handke / Wim Wenders - Der Himmel über Berlin

  • about 8 hours ago

    KRAUTMAGAZIN: R e s o n a n z r ä u m e Finalveranstaltung Mittwoch 29. Februar 19.30 Uhr Berger Kirche http://t.co/u0q7HJtE

  • about 20 hours ago

    KRAUTMAGAZIN: radioeins - Homepage http://t.co/GYQjW1VE

  • about 21 hours ago

    KRAUTMAGAZIN: On this day 65 years ago, Polaroid introduced it's instant camera. And life would never be the same again... http://t.co/VsZnqI3r

Krautmagazin © 2012 All Rights Reserved

Designed by WPSHOWER

Powered by WordPress