Felix Glauner
Felix Glauner lebt seit 2005 mit seiner 5 köpfigen Familie (incl. Hund) im Raum Düsseldorf. Er ist Chefkreativer der Agenturgruppe Euro RSCG in Deutschland. Seine Leidenschaft für Fotografie verfolgt ihn schon über 25 Jahre. Zuerst während seines Design Studiums in San Francisco und Darmstadt, später als Art-Director und Mitglied nationaler und internationaler Fachjuries, sowie privat als Sammler. Viele seiner Arbeiten wurden weltweit ausgezeichnet.
Wo sehen Sie die Zukunft der deutschen Fotografie und wie wichtig sind dabei die Tradition, die Bechers und das Konzept?
Ist es möglich, dass nach fast 40 Jahren Treue diese Tradition ausgeschöpft ist? Worin liegt ihrer Meinung nach die Zukunft der Fotografie?
Meine Begeisterung für Fotografie hat seinen Ursprung in den frühen 80ern und einem längeren USA Studienaufenthalt. Damals haben mich einige „aperture“ Fotobücher buchstäblich umgehauen. Darunter die Diane Arbus Monographie und auf einer ganz anderen Ebene Stephen Shores „Uncommon Places“. Seitdem lassen mich die Amis nicht mehr los. Es klingt komisch, aber die frühen Arbeiten der Becherschüler haben mich schon damals stark an die New Color Photography erinnert. Durch meine amerikanisch gefärbte Brille, erschien mir das zuerst gar nicht so einzigartig. Genauso wie wohl Shore, die Becherschüler inspiriert hat, so befruchtet deren Arbeit weiter junge internationale Fotografen. Sogar wenn man sich alte Meister, wie Lee Friedlander und sein brillantes neues Buch „America by Car“ anschaut, wird man das Gefühl nicht mehr los, es irgendwie mit einem neu interpretiertem „Becherkonzept“ zu tun zu haben.Deutsche Tradition ist für die kommende Fotografen-Generation, denke ich, nicht so wichtig. Inspiration und Austausch finden heute so schnell über alle Kontinente hinweg statt, dass sich Ideen viel weniger isoliert entwickeln als früher. Das Netz schafft eine unglaubliche Transparenz und kreative Dynamik. Im Zusammenspiel mit der Digitalisierung entstehen fast endlose Möglichkeiten für die Fotografie. Es wird zwar schwerer in der Bilderflut den Überblick zu behalten und wirklich neue, relevante Konzepte zu entdecken. Allerdings bieten sich dabei für Sammler ganz neue Möglichkeiten, mit Talenten abseits des etablierten Kunstmarkts Kontakte zu knüpfen.
Alle wissen, dass es keinen Wahrheitsanspruch in der Fotografie gibt und geben kann. Trotzdem scheint die Fotografie gerade durch diesen zu reizen und als Medium zu bestechten – wie funktioniert das? Was sind der Anspruch und der Reiz der Fotografie, wenn der Wahrheitsanspruch doch wegfällt?
Einen Objektivitätsanspruch gibt es ja, wenn überhaupt, nur in der rein dokumentarischen Fotografie. Bei der Fotografie geht es darum, eine Illusion von Wirklichkeit zu schaffen. Daran hat sich in den letzten 50 Jahren gar nicht so viel geändert. Aber wenn heute selbst Ließchen Müller den Zauberstab bei Photoshop bedienen kann, nehmen wir ein Foto emotional als Realität war. Da sind wir alle wehrlos, auch wenn der Verstand was anderes sagt. So macht das Spiel mit dieser Illusion auch in Zukunft mit den Hauptreiz des Mediums aus. Gerade in der künstlerischen Fotografie gibt es einige junge Bildermacher, die sich auf diesem Feld virtuos bewegen und neue Konzepte entwickeln.
Was macht für Sie den Unterschied zwischen dem alltäglichen Umgang mit einem weit verbreiteten Medium und der Produktion von Kunst aus?
Viele Fotografen trennen ihre Arbeit oft und machen neben „Kunst“ eben „Werbung“. Ab wann ist für den Werber Fotografie „Kunst“ und ist Werbung die Brotarbeit des Fotografen?
Einiges von dem was sich „Fotokunst“ nennt, ist leider oft genauso banal, wie viele kommerzielle Arbeiten. Nur weil ein anderes Etikett drauf klebt, wird es nicht interessanter. Grundsätzlich halte ich eine Unterscheidung zwischen Kunst und Kommerz aber für überflüssig. Für mich entsteht in der Fotografie dann Kunst, wenn der Fotograf ein originelles, inhaltliches Konzept hat, etablierte Sichtweisen verändert oder etwas neu und anderes darstellt.
Früher wollte man einen Ferrari, eine Luis Vuitton Tasche und eine Rolex – heute einen Ruff, Gurksy und Struth. Ist Fotokunst durch Branding von Künstlern, limitierte Auflagen, Galerien wie Lumas zu Kommerz geworden? Und falls es so ist, hat sie dadurch gewonnen oder verloren?
Kunst war schon immer auch Kommerz, nur eben sehr elitärer. Großformatige Hochglanzfotografien haben eine unglaubliche Präsenz, sind dabei dekorativ und funktionieren mit dem richtigen Branding sehr gut als Ferrariersatz. Das ist nicht verwerflich sondern hat der Fotokunst eine ganz neue Zielgruppe erschlossen. Es tut der herausragenden Qualität der Künstler auch keinen Abbruch.
Dass sich Normalbetuchte das jetzt in abgespeckter, leicht verdaulicher VW-Version auch ins Wohnzimmer hängen können, ist eine sehr clevere Geschäftsidee, auf die ich fast neidisch bin. Auch mir macht es Spaß, da mal zu stöbern, allerdings gibt es bei besagtem Anbieter leider mehr Déjà-vus, als Neues zu entdecken. Etwas mehr Mut würde ich mir da wünschen.