Prof. Dr. Christoph Ribbat
Christoph Ribbat ist Professor für Amerikanistik an der Universität Paderborn. Lehr- und Forschungstätigkeiten in Bochum, Boston, Bonn und Basel. Zu seinen fotowissenschaftlichen Publikationen zählen das Buch “Blickkontakt: Zur Beziehungsgeschichte amerikanischer Literatur und Fotografie” und Katalogessays über Fotografen wie Richard Avedon, Jacob Holdt, Robert Frank und Ute Behrend. Weitere Forschungsschwerpunkte in der amerikanischen Gegenwartsliteratur und Kulturgeschichte.
Was ist so besonders an der Düsseldorfer Schule, dass sie es geschafft hat sich auf dem Kunstmarkt so erfolgreich und einflussreich zu etablieren?
Die Düsseldorfer Schule hat die richtige Balance aus konzeptueller Nüchternheit und visueller Kraft gefunden. Ein bisschen wie Bastian Schweinsteiger während der WM ’10: gleichzeitig technisch/taktisch ausgereift und extrem zweikampfstark. Und die Becher-Schüler haben das Foto, als Bild, richtig leidenschaftlich ernst genommen. Das erklärt ihren Erfolg.
Wo sehen Sie die Zukunft der deutschen Fotografie und wie wichtig ist dabei die Tradition, die Bechers und das Konzept?
Einige würden wahrscheinlich antworten, dass es so etwas wie eine “deutsche Fotografie” sowieso nicht mehr gibt und dass die Becher-Schüler mit ihrer globalisierten Themen-Palette genau dazu beigetragen haben, dass der nationale Hintergrund eines Fotokünstlers immer weniger zählt. Wenn es aber darum geht zu fragen, was Fotokünstler aus privilegierten, reichen, abgeschotteten Ländern wie Deutschland für Ideen entwickeln könnten: Ich würde denken, dass es nach Jahrzehnten der Oberflächenerkundung und der Nüchternheit durchaus auch wieder darum gehen könnte, sich auf die privaten, emotionalen Welten von Menschen unterschiedlichster Herkunft einzulassen und darauf, dass man sich als Fotokünstler etwa mit sozialer Ungleichheit befassen kann, ohne gleich seine Künstlerwürde zu verlieren. Mit der Tradition der Becher-Schule im Rücken könnte man so eine fantastische neue Form von Fotokunst entwickeln.
Alle wissen, dass es keinen Wahrheitsanspruch in der Fotografie gibt und geben kann. Trotzdem scheint die Fotografie gerade durch diesen zu reizen und als Medium zu bestechten – wie funktioniert das? Was ist der Anspruch und der Reiz der Fotografie, wenn der Wahrheitsanspruch doch wegfällt?
Kein Wahrheitsanspruch mehr? Ich bin mir da gar nicht so sicher. William James sagt: Truth happens to an idea. Die Wahrheit entsteht also erst im Kommunikations- oder Handlungsprozess. Etwa, indem Menschen einem Bild (oder auch einem Text) Glaubwürdigkeit zubilligen. Und natürlich gibt es klare Standards, an denen man die Glaubwürdigkeit von Fotografien messen kann. Anders gesagt: Alle Bilder sind Fiktionen, aber manche sind wild-fantastische Fiktionen und andere sind Fiktionen, denen wir vertrauen können. Meine ganz private Meinung ist dass Fotografien am besten funktionieren, wenn sie sich in die zweite Gruppe einordnen, also von einem gewissen Realismus geprägt sind. Die besten Fotografen trauen ihrem Auge mehr als ihrer Fantasie. Auch das ist natürlich eine Privatmeinung, aber ich meine, sie würde durch die kulturellen Praktiken, also den allgemeinen Umgang mit Fotografie, bestärkt.
Es gibt eine Vielzahl von (künstlichen) Trennungen in der Fotografie: Fotografen und Fotokünstler, daneben noch die Fotodesigner. Die “Bildmacher” und die “Bildfinder”, irgendwo dazwischen die Reportage-, Kriegs-, Food-, Lifestyle-, Werbe- und freie Fotografen. Was macht für Sie den Unterschied zwischen dem alltäglichen Umgang mit einem weit verbreiteten Medium und der Produktion von Kunst aus? Wie wichtig sind für Sie diese Klassifikationen? Inwiefern machen diese Unterscheidungen einen Unterschied für Sie?
Wir brauchen Klassifikationen, wie der Supermarkt sie braucht – um zu wissen, dass die Butter in der Nähe der Milch ist und nicht direkt neben dem Rasierschaum. An diesen Klassifikationen selbst ist gar nichts auszusetzen (auch wenn ich mir manchmal wünschen würde, dass die Fotokünstler weniger panisch auf das eigentlich ganz ehrenvolle Etikett “Reportagefotografie” reagieren würden.). Prinzipiell denke ich, die Fotografie bietet hervorragende Möglichkeiten, die Klassifikationen zu überschreiten. Das begehrte Etikett “Kunst” allerdings werden immer nur wenige Arbeiten erhalten, sonst wäre es ja nicht begehrt. Hoffentlich nennen wir die richtigen Arbeiten Kunst - also die, die uns auch noch in Jahrzehnten etwas Neues erzählen können.
Es ist klar: Wir müssen essen, trinken und schlafen. Aber wofür brauchen wir Kunst?
Welchen Stellenwert hat dabei die Fotokunst?
Kunst ist die etwas komplexere Variante des Erzählens vom Essen, Trinken und Schlafen. Die großartigerweise nicht nur davon erzählt, wo und wie man essen, trinken und schlafen kann, sondern auch noch die Verlangen, Ängste, Triumphgefühle, Unsicherheiten thematisieren kann, die unser sonstiges Menschsein ausmachen. Die Geschichte der Fotografie beweist, dass sie ein grundlegendes Verlangen von Menschen stillt – sich selbst und andere, das eigene Leben und das Leben der anderen festhaltbar, darstellbar, anschaubar zu machen. Fotokunst wird immer dann interessant sein, wenn sie sich bei aller Komplexität drauf einlässt, dass die Kraft der Fotografie in diesem sehr grundlegenden und alltäglichen Verlangen liegt. Klingt arg pathetisch, aber vielleicht ist dennoch etwas dran.