Future Foto – Boris Becker

Prof. Boris Becker

www.boris-becker.com

Boris Becker, geboren 1961 in Köln. 1982 – 1984 Studium an der Hochschule der Künste Berlin bei Professor Wolfgang Ramsbott. 1984 – 1990 Studium an der Kunstakademie Düsseldorf bei Professor Bernd Becher, ab1988 Meisterschüler. 2004 – 2006 Gastprofessur für Fotografie an der Hochschule für Künste Bremen. Seit 2010 Vertretungsprofessur für Fotografie an der Kunsthochschule für Medien Köln. Ausstellungstätigkeit seit 1990, vertreten in internationalen Sammlungen. Lebt und arbeitet in Köln.

Wo sehen Sie die Zukunft der deutschen Fotografie und wie wichtig ist dabei die Tradition, die Bechers und das Konzept?
Ist es möglich, dass nach fast 40 Jahren Treue diese Tradition womöglich ausgeschöpft ist?

Ich sehe die künstlerische Fotografie in Deutschland eigentlich zur Zeit als so vielfältig und offen wie noch nie zuvor. Die immer wieder beschworene Dominanz der sogenannten Becher-Schule kann ich nicht mehr nachvollziehen. Auch ist es ja gerade so, dass sich alle Absolventen der Düsseldorfer Akademie sehr von ihren Lehrern, seien es Bernd Becher oder später Thomas Ruff, emanzipiert haben.
Die Tendenz, ein typologisches Konzept oder einen dokumentarisch-objektivierenden Ansatz zu verfolgen, habe ich überraschenderweise manchmal eher bei den Absolventen anderer Kunstakademien und Fotoschulen verzeichnen können.

Schaut man sich Fördernetzwerke für junge Fotografen an, so stellt man schnell fest, dass das Konzept auch in der jungen deutschen Fotografie eine große Rolle spielt. (Als Beispiel lässt sich anführen, dass auf der Seite von „Gute Aussichten“, die Fotografen zuerst mit ihrer Vita präsentiert werden, danach mit dem Konzept und erst dann sieht die Reihenfolge es vor, dass der Besucher der Website die Bilder der Künstler sieht. )
Was für Chancen hat man als junger Fotograf, wenn man sich nicht in die strenge Düsseldorfer Tradition stellt?

Man hat immer alle Chancen, wenn man sich auf seinen ganz individuellen Ansatz verlässt. Es ist doch eher so, dass man gerade dann Kritik einstecken muss , wenn man sich nur in der Nähe einer Ästhetik einer bestimmten Schule bewegt. Und das bezieht sich auf die gesamte Bandbreite der aktuellen fotografisch-künstlerischen Produktion, wie die Typologie, die Serie, das Einzelbild, found footage, inszenierte Fotografie, die Modellbaufotografen etc.
Ich verspüre in Gesprächen mit jungen Künstlern eher die Angst, sich zu sehr einer bestimmten künstlerischen Position zu nähern. Dadurch entsteht bei vielen oft eine selbst auferlegte Blockade irgendetwas anzufangen und das halte ich für die grösste Gefahr überhaupt.

Es ist klar: Wir müssen essen, trinken und schlafen. Aber wofür brauchen wir Kunst?
Welchen Stellenwert hat dabei die Fotokunst?

Das schöne an der Kunst im Allgemeinen und der Fotokunst im Besonderen ist ja, dass man sie nicht braucht. Gerade diese Ungebundenheit und „Zwecklosigkeit“ eröffnet der Kunst ihren Raum, in dem sie sich frei entfalten kann und so ihren eigenen Orbit öffnet. Und genauso lebe ich mit und in der Kunst; sie bestätigt mich in meiner individuellen Freiheit und einer eben nicht zweckorientierten Zuordnung.

Alle wissen, dass es keinen Wahrheitsanspruch in der Fotografie gibt und geben kann. Trotzdem scheint die Fotografie gerade durch diesen zu reizen und als Medium zu bestechten – wie funktioniert das? Was ist der Anspruch und der Reiz der Fotografie, wenn der Wahrheitsanspruch doch wegfällt?

Es gibt eben kein anderes künstlerisches Medium, dass sich so ambivalent auf dem schmalen Grat zwischen den Feldern Realität/Wahrheit und Irrealität/Imanigation bewegen kann und durch seinen künstlerischen Anspruch thematisiert. Dies macht für mich gerade den Reiz der künstlerischen Fotografie aus.

Es gibt eine Vielzahl von (künstlichen) Trennungen in der Fotografie: Fotografen und Fotokünstler, daneben noch die Fotodesigner. Die „Bildermacher“ und die „Bildfinder“, irgedwo dazwischen die Reportage-, Kriegs-, Food-, Lifestyle-, Werbe- und freie Fotografen. Hinzu kommt die Trennung von unmittelbarer, formalistischer, dokumentarischer und Äquivalenzfotografie.
Was macht den Unterschied zwischen dem alltäglichen Umgang mit einem weit verbreiteten Medium und der Produktion von Kunst? Wie wichtig sind für Sie diese Klassifikationen? Inwiefern machen diese Unterscheidungen einen Unterschied für Sie?
Wie haben Sie sich in diesen Kategorien gefunden?

Ich glaube, Klaus Honnef hat einmal den Unterschied gezogen durch die Begriffe intentionale und nicht-intentionale Fotografie. Für mich war es immer klar, dass mein Schwerpunkt im Bereich der nicht-intentionalen Fotografie liegen wird. Ich habe mich nie sehr dafür interessiert, durch meine Arbeit irgendetwas bestimmtes auszusagen, auch wenn viele der von mir behandelten Themen durchaus eine politische oder gesellschaftliche Relevanz besitzen. Die Stärken einer künstlerischen Arbeit liegen für mich dann doch eher darin, wenn im Bewusstsein oder Unterbewusstsein des Betrachters etwas ausgelöst wird, was zu ganz individuellen Reflexionen, Anstössen und Auseinandersetzungen führen kann.

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