SIND DARSTELLUNGEN VON ELEND UND KRIEG EIN PREKÄRES THEMA FÜR DIE KUNST ?
Eine klare Antwort auf diese Frage ist nicht einfach, denn hier spielen sowohl Kriterien der Ästhetik, der Kunstphilosophie als auch ethische Aspekte eine große Rolle.
Konkretisieren wir die Frage:
Was geht in einem Betrachter vor, wenn er – zum Beispiel – ein Foto betrachtet, auf dem man folgendes sieht: eine weite, karge Landschaft, einen Hügel, auf dem Hügel ein Mann im weißen Hemd, der, offensichtlich in voller Bewegung, von einem Schuss getroffen wird?
Sein ausgestreckter Arm – mit einem Gewehr in der Hand – reicht bis zum Bildrand. Der Kopf ist nach hinten geworfen. Die Beine sind im Begriff weg zu knicken.
Geschmackvoll gerahmt, hängt dieses Foto in einer Kunstgalerie, oder einer Museumsausstellung zum Thema Kriegsfotografie …
Doch was passiert mit dem Betrachter, der das gleiche Foto in einer Illustrierten sieht: in einer Dokumentation über Kampfhandlungen im Zusammenhang mit dem spanischen Bürgerkrieg im Jahre 1936?
(Die Auswahl dieses Fotos war spontan, es gibt natürlich viele andere Aufnahmen, die sich sich mit Elend, Not oder Krieg befassen)
Abgesehen davon, was mit dem Betrachter in der ein oder anderen Situation geschieht, lassen sich noch andere, tiefer gehende Fragen an fotografische Darstellungen dieser Art anknüpfen:
Worin besteht der Unterschied zwischen einem Fotoreporter und einem Künstler (der Fotos macht?)
Kann ein Fotoreporter auch Künstler sein?
Legitimiert ein Künstler seine Bilder von Elendsmotiven damit, dass er sie im höheren Interesse der Kunst gemacht hat, und der Reporter, der das gleiche tut, im höheren Sinne der Berichterstattung? (Wir sprechen immer noch von fotografischen Bildern!)
Hat der Fotograf vielleicht etwas an sich genommen, das ihm nicht gehört – vielleicht die Seele des Abgebildeten, seine Würde (verletzt) – und sie anschließend – wie und wem auch immer – verkauft? Welche Rolle spielen ethische Fragen dabei?
Und zu guter Letzt (die abgedroschene Frage): ist Fotografie überhaupt Kunst? (Darauf erwarte ich keine Antwort!)
Eines scheint klar zu sein: Fotografen, die als Berichterstatter unterwegs sind, fühlen sich für gewöhnlich nicht als Künstler.
Diese Fragen beschäftigen mich schon lange. In den 1970er Jahren reiste ich mehrmals in europäische Metropolen, um dort, freiwillig und ohne Auftrag, zu fotografieren (was im Zweifelsfalle für den Künstler spricht).
Meistens bewegte ich mich in jenen Gegenden, die damals als soziale Brennpunkte galten. Was ich dort sah und erlebte, zog mich einerseits an, erschütterte mich aber auch, so sehr, dass es mir manchmal schwer fiel, die Kamera ans Auge zu halten.
Was war meine Motivation?
Zum einen bestand sie darin, dass ich denen zuhause zeigen wollte, was ich gesehen hatte. Zum anderen reizte es mich – aus sicherer Position – Menschen zu beobachten, die an den Rändern der Gesellschaft, in ihren Schattenzonen, lebten.
Dabei redete ich mir (mehr oder weniger erfolgreich) ein, nichts ethisch zweifelhaftes zu tun.
Bei solchen Gelegenheiten setzte ich die Fotoapparate sowohl als Schutz als auch als Waffe ein. Ohne meine Kameras hätte ich mich niemals in solche Situationen getraut.
Anfangs gab ich den Menschen, die ich fotografierte, immer etwas Geld. Aber es war nie genug. Und einmal hätte man mich fast ausgeraubt.
Im französischen Wallfahrtsort Lourdes fotografierte ich Kranke. Manche lagen sogar auf Bahren. Ich war überrascht festzustellen, welche Lebenskraft sie plötzlich entwickelten, wenn es darum ging, für die Kamera zu posieren, und mir ihre Adresse zusteckten, weil sie Abzüge wollten.
Damit waren meine moralischen Ressentiment einigermaßen relativiert.
Elend kann sehr pittoresk sein. Ein Beispiel:
Eine Freundin – sie leitet in Rumänien eine Organisation, die sich um Waisenkinder kümmert – beklagte sich einmal bei mir, dass ihre Fotos von den Elendsbehausungen der Familien, die sie dort manchmal aufsucht, immer so schön aussähen. Manchmal „wie gemalt“. Potentielle Spender nahmen angesichts dieser Bilddokumente das Elend nicht wahr, weshalb ihre Bilder zur Illustration von Spendenakquisen völlig ungeeignet waren.
(Was hat sie wohl falsch gemacht?)
Fotodokumentationen aus Krisengebieten haben die Aufgabe und das Ziel, eine breite Öffentlichkeit darüber aufzuklären, was Not, Krieg, Naturgewalten mit Menschen anrichten können.
Wir, die Satten, Wohlbehüteten, sollen aufgerüttelt werden. Allerdings kann es natürlich auch sein, dass unsere Gefühle dabei verletzt werden und wir uns attackiert fühlen und uns entsetzt abwenden.
Wir haben in der Kunstgeschichte viele eindringliche Beispiele, die sich mit dem Hässlichen, Grotesken, Makabren, – dem Elend schlechthin – bildnerisch befassten. Goya mit seinen radierten Darstellungen von Kriegsgräueln. Die Maler der Neuen Sachlichkeit in den 20er Jahren, – Grosz, Dix, Beckmann – Picassos „Guernica“!
Nehmen wir Käthe Kollwitz.
Sie widmete fast ihr gesamtes Lebenswerk dem Thema Armut und niemand wird ihr unterstellen wollen, dass sie sich an den prekären Umständen der Dargestellten bereichern wollte. Ebenso Heinrich Zille, der in Fotografien das Leben der Berliner Arbeiterfamilien dokumentierte, und es auch in seinen ebenso einfühlsamen wie bloß stellenden Karikaturen wiedergab.
Zeitgenössische Konzeptkünstler wie Santiago Sierra und Teresa Margolles versuchen mit meist Aufsehen erregenden und verstörenden Aktionen die Grenzen der Moral zu verschieben, sie im Kunst-Kontext zu erweitern.
In diesem Zusammenhang fallen mir auch die Chapman Brothers aus Grossbritannien ein, die in größeren Glasvitrinen – in Hakenkreuzform aufgestellt – Nazigräuel im Modellformat inszenieren.
Unter den Fotografen verweise ich auf die Fotokünstler Andres Serrano und Joel Peter Witkin. Beide schrecken, wenn auch in unterschiedlichen ästhetischen Konzepten, nicht davor zurück, zuweilen in ihren Fotoarbeiten auch Leichen oder Leichenteile vorzuführen.
Alle diese Arbeiten sind ästhetisch ausgelotet, zu Genüge kunstphilosophisch erklärt, in entsprechendem Kontext ausgestellt und somit kanonisiert. Keiner, der sich ernsthaft mit Kunst beschäftigt, würde sich über solche Darstellungen aufregen.
Kanonisiert, – man könnte auch sagen: auf eine „Kunst-Zusammenhang-Formel“ gebracht – sind zum Beispiel auch Fotos von Griffith, Duncan, den Capa Brüdern, Killip, Nachtwey und Salgado, deren eindringlichen Aufnahmen um die Welt gingen.
Auch manches in Krisengebieten aufgenommene Siegerfoto des World Press Contest wurde im Laufe der Zeit zum festen Bestandteil unserer kollektiven Foto-Bild-Kultur.
Ich erinnere an das berühmte Foto von Eddie Adams von 1968: ein Polizeigeneral im Profil, der mit einer Pistole in der ausgestreckten Hand auf den Kopf eines Vietcong zielt (und ihn danach auch erschießt). Oder 1972, das Foto von Nick Út: es zeigt ein unbekleidetes Mädchen, welches inmitten anderer weinender Kinder, während eines südvietnamesischen Napalmangriffs, direkt auf die Kamera des Fotografen zu flieht.
Viele Fotos, die als bildjournalistischen Bildberichterstattungen entstanden, haben sich mit der Zeit – und durch das stetige Interesse an ihnen – wie von selbst in den Kunst-Zusammenhang gebracht.
Das geschieht, wenn diese Aufnahmen etwa in Kunstmuseen oder einschlägigen Galerien von Kuratoren, die in Fotokreisen Autorität genießen, zur Ausstellung gebracht werden. Solche „Reportagefotos“ werden nun – a posteriori – zu Kunst.
Erkenntnistheoretisch schlage ich folgende Erklärungskürzel vor:
Wenn Kunst Kunst ist, ist sie – a priori – schon Kunst.
Journalistische Fotografie kann, wenn sie über die Zeit mit großem Interesse am Abgebildeten einhergeht, und/oder von einem in Kunstkreisen bereits anerkannten Fotografen stammt, – a posteriori – noch zu Kunst werden.
Um auf das am Anfang beschriebene Foto mit dem sterbenden spanischen Milizen zurückzukommen: dieses Bild wurde im Laufe der Jahre, neben anderen, fast ebenso berühmten Fotografien von Robert Capa, zu einer Ikone der Kriegsfotografie und machte seinen Autor weltberühmt.
Fatalerweise machte dieses Bild in den letzten Jahren erneut Schlagzeilen: es steht nämlich in dringendem Verdacht, eine Inszenierung des Fotografen zu sein. Was – vielleicht übertrieben formuliert – einer Geschichtsfälschung gleichkäme.
Ich bin mir jedoch sicher, dass weder die Popularität des Bildes noch die des Fotografen besonders darunter leidet. Weniger wert, im pekuniären sinn, wird diese Fotografie dadurch bestimmt nicht.
Seit einigen Jahren trage ich mich mit dem Gedanken, eine Indienreise zu unternehmen. Aus Berichterstattungen im Fernsehen bin ich auf die unterschiedlichsten Motivkomplexe aufmerksam geworden.
Bestimmt würde ich dabei auch Menschen fotografieren. Dann aber unter moralischen Gesichtspunkten, mit künstlerischem Einfühlungsvermögen … und gepaart mit dem Auge des Reporters.
Vielleicht würde mir dabei so etwas wie meine persönliche Quadratur des Kreises gelingen.
Abschließend sei noch angemerkt: Ich bin der Meinung, dass die meisten Fotos mit Kriegs- und Krisendarstellungen sowie solche mit pornografisch konnotierten Inhalten eine bestimmte Ausstellungsgröße nicht überschreiten sollten.
Bei einem „intimen“ Betrachterabstand von 50-70 Zentimeter wäre das eine Bildgröße von maximal 60 Zentimeter Kantenlänge.
Gerhard Vormwald ist seit 1999 Professor für Fotografie / interdisziplinäre Bildkonzepte an der Fachhochschule Düsseldorf. Er lebt in Paris und Köln.






































