MEETING LÜPERTZ IS EASY // MARKUS LÜPERTZ

Text: Shahin Zarinbal
Fotos: Sina Michalskaja

Markus Lüpertz trifft auf KRAUT, KRAUT trifft auf Markus Lüpertz. Eindrücke.

Markus Lüpertz in seinem Containeratelier


„Lüpertz“, stellt er sich kurz vor und reicht uns allen die Hand. „Ich bin gleich für Sie da“, sagt er und verschwindet in die obere Etage seines Containerateliers.
Wir werden von seinem Assistenten in das Atelier geführt, gehen durch einen Flur, der durch Containerzwischenräume gebildet wird und in einer riesigen Halle mündet. Dort angekommen, bringt uns Sascha, der Assistent, Wasser, geht zurück in die Küche und bereitet weiter das Mittagessen zu. Es gibt Pfannkuchen. Wir warten gespannt auf Markus Lüpertz und schauen uns schon einmal vorsichtig um. Überall stehen Gemälde und Skulpturen, an den Wänden hängen Köpfe von Wildschweinen und Hirschen, auf Ablagen stehen ausgestopfte Vögel. Die toten Tiere erinnern an herrschaftliche Interieurs, an vergangene Zeiten, in denen die Kunst eine den Eliten vorbehaltene Veranstaltung mit Ausschlusscharakter war. Doch Lüpertz’ Atelier schließt nicht aus, im Gegenteil, es lädt ein. Die Wände sind aus Glas, jeder kann hineingucken, gesetzt den Fall, der Blick kann sich einen Weg durch das Gewimmel von Gemälden, Skulpturen, Pinseln, Tuben, Kohlen und Zetteln bahnen.

Atelier von Markus Lüpertz

 

Schaut man aber von innen, werden einem die Ausmaße dieses Gewimmels noch bewusster. Im hinteren Teil der Halle steht zum Beispiel dieser riesige Kopf, der zu einer noch riesigeren Skulptur gehört. Allein das Kinn ist doppelt so groß wie ein Menschenkopf. Wie selbstverständlich parkt daneben eine schwarze, glänzende, glattpolierte Viper.

Herr Lüpertz Viper in seinem Containeratelier

 

Nach einigen Minuten erscheint uns Markus Lüpertz, in voller Montur, mit Stock und Schmuck. Auf unsere bisweilen scheuen Fragen zur Architektur, zu seinem Containeratelier, zu seiner Tätigkeit als Rektor der Kunstakademie Düsseldorf, zu seinen Kindern und zu seinen Frauen geht Lüpertz mit gewohnter Souveränität ein. Dabei strahlen das gesamte Gespräch hindurch seine klugen und wachen Augen eine Geerdetheit aus, die von jenen abgesprochen wird, die seine Aussagen missverstehen und seine sich selbst verliehene Genialität als sich selbst verliehene Arroganz zu deuten bestrebt sind.
Aber warum ein Atelier aus Containern, Herr Lüpertz? „Ich fühle mich hier sehr dynamisch und jung, weil es eben etwas fragwürdig und windig ist, deswegen find ich das sehr angenehm. Das gibt mir was hier, das steht mir als Künstler zu. Andere haben Schlösser und Burgen, ich habe eine Containerburg“, sagt er, während er uns herumführt. Es ist ein ehemaliges Baubürogebäude, bestehend aus 42 Containern, auf zwei Etagen. 42 Container bedeuten viel Raum für Extravaganzen: In einem der Container lauert ein ausgestopftes Krokodil, ein anderer beherbergt einen gläsernen Flügel und französische Kirchenfenster aus dem 19. Jahrhundert, wiederum ein anderer ist mit allerlei Fitnessgeräten ausgestattet. An den Containerkomplex ist eine Halle gebaut, zusammen bilden sie einen riesigen Bau, in dem Lüpertz skulpturiert und zur Zeit auch malt. „Ich hasse es eigentlich dort zu malen, wo ich bildhaure, aber im Moment ist es der Not gehorcht und nicht dem eigenen Trieb.“

Stuhl im Atelier von Markus Lüpertz

 

Dem eigenen Trieb zu gehorchen, das bedeutet für einen Menschen wie Markus Lüpertz, das zu tun, was er will, einen zielgerichteten Willen zu haben. Kunst hat für ihn daher nichts mit Innovationen, letzten Endes auch nichts mit Kreativität zu tun. „Kunst ist ein bisschen mehr“, das bisschen Mehr, das über die Schale der Realität, über die Normen, Erwartbarkeiten und Wiederholungen hinausgeht und etwas schafft, aus dem Geist und aus dem Körper, nämlich aus dem Menschen.
Das Bild des Künstlers, das Markus Lüpertz vermittelt, ist antiquiert und aktuell zugleich. Antiquiert, weil es einer romantischen Traditionslinie angehört, die den Geniekünstler kennt, der frei, unter eigener Gesetzgebung, parallele und potentere Wirklichkeiten schafft. Aktuell, weil es die nahezu einzig mögliche Opposition zur gegenwärtigen Kunstproduktion bildet. Nicht der Mensch, der über den Dingen steht und aus seiner Freiheit schöpft, steht in dieser im Vordergrund, sondern der Mensch, der zwischen den Dingen steht und zwischen ihnen vermittelt, somit Möglichkeiten aufzeigt, und folglich subversiv, ironisch, zynisch, weltverbesserisch und/oder pseudopornös auftritt. Lüpertz ist jedoch sein eigener Herr, ein Aventürist, und kann sich daher alles erlauben, kann archaische Skulptugrotesken im Land verteilen und seinem eigenen Trieb folgen.

Gehstöcke

 

Sollte man von Lüpertz lernen? Kann man von Lüpertz lernen? Hat man überhaupt von ihm gelernt? Der Meister verneint. „Nachdem ich 38 Jahre Professor war, muss ich sagen: ich habe versagt. Ich habe vergessen und versäumt Gesetze zu machen und Regeln aufzustellen. Ich dachte immer, Freiheit wäre die einzige und entscheidende Voraussetzung. Das stimmte nicht. Man hätte Regeln aufstellen müssen. Ich bin die Nachkriegsgeneration. Wir hassten jede Art von Regeln, von Druck von Reglement. Und mit dieser Idee bin ich erzogen worden, habe ich erzogen. Freiheit ist das Größte. Frei sein, verantwortlich sein, machen, was man möchte. Aber bei diesem Machen-können-was-man-will hätte ich die Verantwortung lehren müssen.“ Dementsprechend war Markus Lüpertz von den letzten Rundgängen nicht überzeugt gewesen. „Es kriegt alles sowas klippschulenhaftes. Es hat zu wenig Bohème … es hat sehr, sehr wenig Bohème. Es ist alles kreativ. Alle sind so furchtbar frei. Man versucht sich was einfallen zu lassen. Aber Kunst hat doch mit Ideen und Einfällen, mit Kreativität nichts zu tun. Kunst ist doch ein bisschen mehr, denk ich. Das ist sehr schwer – das hab ich versucht atmosphärisch zu vermitteln, aber offensichtlich ist das nicht so gefruchtet wie ich es mir vorgestellt habe. Man hätte es schärfer, härter, propagieren müssen.“

 

Das Interview ist vorbei. Lüpertz lässt uns noch fotografieren und geht in seinen Kraftraum, um vor der Arbeit zu trainieren. Nachdem wir den Tatort seines Schaffens von innen abfotografiert haben, stehen wir draußen vor dem Eingang und machen Außenaufnahmen, während die Sonne herrlich auf des Malerfürsten Containeratelier inmitten dieser bürgerlichen Wohnsiedlung in Berlin-Teltow scheint.
Lüpertz erscheint uns erneut, diesmal in Jogginghose, bordeaux-farbenem Polohemd und beklecksten Reebok-Turnschuhen. Bevor er zur Arbeit schreitet und uns verabschiedet, öffnet er noch seinen Briefkasten und findet Post von seinem Galeristen. „Stripbar?“ fragt er, fast schon auffordernd, mit gespielter Verwirrung, als er den Brief öffnet. „Striped bare“, steht auf der Ausstellungseinladung. Sein Englisch sei so furchtbar schlecht. „Daran sieht man, dass man alt geworden ist, wenn man seinen eigenen Galeristen nicht mehr versteht.“

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