BATTLEFIELDS // JÉRÔME LEUBA

DER KAMPF UM SICHTBARKEIT.
Text: Katharina Hauke

JÉRÔME LEUBA, battlefield #49 / bystander (Photographie, 2008)

JÉRÔME LEUBA, battlefield #49 / bystander (Photographie, 2008)

 

2008: Drei Tage lang liegen drei regungslose Körper im Genfer Parc des Bastions. Kaum ein Mensch nimmt Notiz von ihnen. 2009: Sechs Tage lang sitzt ein Mann ähnlich regungslos auf einem Balkon in der Genfer Innenstadt, in der Ecke des Balkons lehnt ein Schweizer Armeegewehr. Die Menschen reagieren nervös, fühlen sich beobachtet und wenig später schreibt die Presse dem Mann das Gewehr in die Hand.
Auf was reagieren diese Menschen, also wir? Auf den Mann auf dem Balkon, auf das Gewehr? Auf das Bild, das wir haben, aus Film und Fernsehen, von einem Mann mit einem Gewehr auf einem Balkon? Und was bedeutet dieses Bild und woher wissen wir das?

JÉRÔME LEUBA, battlefield #47 (Photographie, 2009)

JÉRÔME LEUBA, battlefield #47 (Photographie, 2009)

Beide Arbeiten gehören zur Werkreihe „battlefields“ des französisch-schweizerischen Künstlers Jérôme Leuba. Ersteres, battlefield #49 / bystander, wurde gezeigt im Rahmen des Genfer Performance Festivals „Points d’impact“, letzteres ist battlefield #47 und war Teil der „Utopics“ Public Art Exhibition in Biel. Leubas Kunstwerke machen den Betrachter oft unwissentlich zum Teil des Kunstwerks, sei es durch seine (fehlende) Reaktion oder dadurch, dass er zum Beobachteten selbst wird.
Mit den „battlefields“ bearbeitet der Künstler seit fast 15 Jahren gesellschaftliche und persönliche Spannungs-zonen. Seine Arbeiten thematisieren Territorien physischer und ideeller Auseinandersetzungen um Besitz, Wahrheit, Raum oder Bedeutung. Die Liste der zu seinem Werk der „battlefields“ gehörenden Arbeiten umfasst beinahe 70 Fotografien, Videos, Installationen, Performances und Living Sculptures.
Die „battlefields“ waren nicht von Anfang an als Serie konzipiert. Ich begann mit der Nummer 4… dem tatsächlichen Schlachtfeld von Verdun (dort positionierte ich eine rote Flagge um das Feld wie eine Golf-Anlage aussehen zu lassen) … Mir wurde damals klar, dass fast alle meine Arbeiten die gleichen Elemente beinhalten … den Kampf zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren sowie den Konflikt zwischen zwei sich widersprechenden Dingen (ein Oxymoron). Das ist ein battlefield … ein mehrdeutiges Bild, Objekt, Situation.
Ich glaube, dass Mehrdeutigkeit das Lesen von Bildern durcheinanderbringt, erschwert und verlangsamt. Wenn ein Bild entgegengesetzte Zeichen vereinigt, wird es komplex und damit weniger einfach zu konsumieren.
In der Tat zögern Leubas Bilder, sich entschlüsseln zu lassen. Sie schieben ihre Bedeutung immer wieder auf, lassen sich nicht festlegen auf diesen oder jenen Sinn. Sie wollen nicht etwas (er)klären oder bedeuten – zumindest nie absolut.
Für die Fotografie battlefield #60 / gold mine lichtet Leuba 2009 in Südafrika eine Kupferpfütze ab. Ein Rückstand der Goldgewinnung, Spur unserer Dekadenz. Und so kommen wir nicht umhin, in der undefinierbaren rötlichen Pfütze auf dem Foto eine Blutlache zu sehen, eine Metapher für Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse von denen wir, auf der Gewinnerseite der Globalisierung, reichlich wenig zu spüren bekommen.

JÉRÔME LEUBA, battlefield #60 / gold mine (Photographie, 2009)

JÉRÔME LEUBA, battlefield #60 / gold mine (Photographie, 2009)

… oder bekamen. Das hat sich geändert, spätestens seit den Anschlägen vom 11. September. Die medial verbreiteten Bilder sind bei uns angekommen, bilden einen Teil unseres konditionierten Verhaltens, unserer kollektiven Angst.
Leuba spielt mit dieser Angst, als er 2005 im Rahmen der Ausstellung „Shifting Identities“ im Kunsthaus Zürich sein battlefield #19 / if you see something, say something ausstellt: Er positioniert verschiedene Tüten, Reise- und Sporttaschen im öffentlichen Raum des Museums. Die Taschen, die bis vor einigen Jahren wohl kaum einem Besucher aufgefallen wären, lösen heftige Reaktionen bei den Besuchern aus, die ihre Beobachtung sogleich melden. Eine Reaktion, die erst nach den Anschlägen rund um den 11. September verständlich sein kann und gesellschaftlich akzeptiert ist, inklusive dem (Selbst-)Überwachungsnetz, das durch sie sichtbar wird.
Leubas Kunst scheut große politische Themen nicht und bearbeitet sie doch immer auf der Ebene unserer persönlichen Wahrnehmung.
Was ist politische Kunst? Das weiß ich nicht… Ich arbeite mit der Realität. Sie ist das einzige, was ich kenne. Ich mag Etiketten wie „politische Kunst“ nicht. Kunst ängstigt niemanden und nichts entsteht durch Kunst… besonders keine Revolution. Kunst verändert nichts. Wichtig ist für mich einzig, die Gesellschaft zu denken indem ich Kunst mache… ohne Ziel.
Dabei drehen sich Leubas Werke um wiederkehrende Themen, suchen diese immer wieder neu zu begreifen und zu hinterfragen.
Ob es das battlefield #1 gibt? Ja, das habe ich nach Nummer 21 gemacht. Die Idee einer korrekten Abfolge gefällt mir nicht. Nummer 18 folgt zum Beispiel auf Nummer 15, dann 12…
Battlefield #1 ist eine kleine Fotografie von einem Fußballstadion in Marseille… ich habe es nie für eine Ausstellung produziert.
Auch das Fußballfeld ist ein Schlachtfeld. Ein Territorium, auf dem zwei Mannschaften um dasselbe Objekt kämpfen (um den Ball). Das kommt einer Theorie von René Girard sehr nahe, die besagt, dass wir nur begehren können, was Objekt der Begierde eines anderen ist. Das ist dieselbe Theorie, die auch Hollywoodfilmen zugrunde liegt (zwei Teams, das gute und das böse, kämpfen um den Tresor, das Geld, die Wahrheit…).
Auf diesen Überlegungen basiert auch die Synopsis meines Films „Gaule“ (2002 / 2003, 62  Minuten, ein Road Movie, das in Frankreich spielt): Alle Dialoge des Films sind die originalen Kommentare der französischen Kommentatoren beim Finale der Fußball Weltmeisterschaft Frankreich-Brasilien 1998.
Das von Girard entworfene sogenannte trianguläre mimetische Begehren erzeugt Leuba in seinen Arbeiten, wenn er als Besucher getarnte Statisten als Vorbilder fungieren lässt, als Begehrende, die bald Nachahmer unter den Besuchern hervorbringen:  Beim battlefield #37 / focus, ausgestellt bei der Art Cologne, gelingt es Leuba, indem er 25 Statisten auf eine leere Ecke starren lässt, den haschenden Blick der Besucher vorbei am eigentlichen Kunstwerk (der Living Sculpture, von der sie jetzt einen Teil bilden) in die vermeintlich spannende Leere zu lenken.
So kann ein hypothetisches, begehrtes Objekt ausreichen, unser Interesse, unser Begehren zu wecken. Oder ist das sogar in den meisten Fällen so?
In der Berner Museumsnacht 2009, bilden 50 falsche Besucher eine Schlange an der Swiss Credit Bank. Wer sich anstellt, wird Teil des battlefield #50 und mit selbigem einmal durch die Bank und wieder nach draußen geschleust … Was hatten Sie erwartet? Wir funktionieren ganz prima nach diesem Prinzip der Nachahmung.
Wir begeben uns gerne in die Strukturen, die uns zum sicheren Konsum führen. Immerhin: was konsumieren wir nicht? – Lebensmittel, Mode, Unterhaltung, Kunst, Informationen … Es sind die Dinge, die wir nicht haben können, die da (wo wir sie erwarten, zu unserer Verfügung) nicht sind, die uns stutzig machen. Ein leeres Zucker-Regal (battlefield #56 / sugar, Projekt von 2010) oder ein Diamantring ohne Diamant (battlefield #64 / 1-2-3, Objekte 2009).
Ich glaube, dass eine Minute schwarzen und stummen Fernsehens mächtiger ist als eine Minute Diskurs oder Bilder. Meiner Meinung nach kann man Ästhetik mit Politik gleichsetzen. Die Form ist der Inhalt. Will sagen: Der Inhalt ist am Ende gar nicht so wichtig. Wir wissen oder können wissen, was in der Welt und der Politik vor sich geht (wir wissen von der Ungleichheit, der Armut, etc.). Unglücklicherweise wissen wir diese Dinge, aber … nichts ändert sich, niemand reagiert darauf (nicht im Westen). Es reicht nicht mehr aus, etwas anzusprechen oder aufzudecken. Das Volk scheint immer noch zu schlafen und bleibt gehorsam.
Anstatt von Politik zu sprechen, sollten wir aufhören Dinge zu konsumieren (auch Politik zu konsumieren) … Der Kampf dreht sich heutzutage um Aufmerksamkeit … der Kampf um Sichtbarkeit!! Jeder kämpft darum, gesehen zu werden … für den Betrachter eine ermüdende Situation.
Aber wollen wir das wirklich, gesehen werden? Ist es uns nicht doch unangenehm, wenn wir plötzlich als Teil eines Kunstwerks betrachtet werden? Sei es von einem Mann auf einem Balkon, von anderen kunstinteressierten Museumsbesuchern, sei es von uns selbst in aller Öffentlichkeit: Wenn Leuba eine so alltägliche Situation wie ein knutschendes Pärchen (battlefield #54 / lovers) in den falschen (beziehungsweise: für ein anderes Verhalten codierten) Kontext setzt, fühlen wir uns entblößt, peinlich berührt. Das, was wir auch noch sind, liegt vor unseren und den Augen aller anderen bloß, wo es sonst scheinbar gar nicht existiert.
So ist Leubas Spiel auf der Grenze zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren auch immer die Frage danach, was wir sehen und warum – was da ist und was dort auch sein könnte.

Jérôme Leuba, geboren 1970 in Genf, studierte an der Haute École d’Art et de Design in Genf, wo er 1997 graduierte. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem zwei Mal mit dem Swiss Art Award (2005 und 2007).
Seit 2002 hatte er verschiedene Künstlerresidenzen inne: in Berlin, Paris, Genf und in Kapstadt. Jérôme Leuba lebt und arbeitet in Genf.
Vom 17.09 bis zum 28.10.2011 zeigt das Contemporary Art Center of Neuchâtel in der Schweiz seine „battlefields“ in einer Einzelausstellung.
www.jeromeleuba.com

 

JÉRÔME LEUBA, battlefield #4 / verdun (Photographie, 2004)

JÉRÔME LEUBA, battlefield #4 / verdun (Photographie, 2004)

 

JÉRÔME LEUBA, battlefield #19/ if you see something, say something (Photographie, 2008)

JÉRÔME LEUBA, battlefield #19/ if you see something, say something (Photographie, 2008)

 

JÉRÔME LEUBA, battlefield #50 (Photographie, 2009)

JÉRÔME LEUBA, battlefield #50 (Photographie, 2009)

 

JÉRÔME LEUBA, battlefield #56 / sugar (Art Project for Belluard Festival Fribourg, 2010)

JÉRÔME LEUBA, battlefield #56 / sugar (Art Project for Belluard Festival Fribourg, 2010)

 

JÉRÔME LEUBA, battlefield #64 / 1 (Photographie, 2009)

JÉRÔME LEUBA, battlefield #64 / 1 (Photographie, 2009)

 

JÉRÔME LEUBA, battlefield #54 / lovers (Photographie, 2009)

JÉRÔME LEUBA, battlefield #54 / lovers (Photographie, 2009)

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