Das nächste Gefecht
Text: Alain Bieber
Politische Künstler stellen Fragen, die sonst keiner stellt, infiltrieren das System wie ein Virus und kämpfen mit den Mitteln der Kunst für ihre Ideale. Die Kunst und die Revolte werden erst mit dem letzten Menschen sterben, sagte Albert Camus. In diesem Sinne: En Garde!
E in revolutionäres Grundrauschen zieht sich durch die Kunst: Die gesamte Schöpfungsgeschichte der Moderne ist eine Geschichte radikaler Kulturkämpfer und kriegerischer Rhetorik. „Legt Feuer an die Regale der Bibliotheken! Leitet den Lauf der Kanäle ab, um die Museen zu überschwemmen! Oh, welche Freude, auf dem Wasser die alten, ruhmreichen Bilder zerfetzt und entfärbt treiben zu sehen! Ergreift die Spitzhacken, die Äxte und die Hämmer und reißt nieder, reißt ohne Erbarmen die ehrwürdigen Städte nieder!“, schrieb Filippo Tommaso Marinetti im „Manifest des Futurismus“, dass 1909 veröffentlicht wurde. Bei all den Avantgardebewegungen ging es um Destruktion und Revolution. Immerhin stammt der Begriff Avantgarde auch aus dem Sprachschatz des französischen Militärs. „Avantgarde ist Vorhut, Vortrab, der Teil des Heeres, welcher vor dem Gros der Armee marschiert, Hindernisse beseitigt, im Falle eines Angriffs aber den Feind so lange aufhält, bis die nachfolgende Kolonne gefechtsbereit ist“, definierte der Brockhaus 1886. Die Wut der künstlerischen Vorkämpfer war groß und es dauerte lange, bis sich die Kunst vom Joch der Auftragsarbeit der Kirche und politischen Herrschern befreite und sich der Macht und dem Einfluss der jeweiligen Interessen entziehen konnte. Lange beschränkten sich die Künstler noch darauf die Natur nachzuahmen. Erst mit der Aufklärung galt die Darstellung einer Haltung als erstrebenswert – plötzlich ging es darum die Vernunft in den Kunstwerken zu versinnbildlichen. Aber auch die Kriege selbst und deren spezifische historische Hintergründe haben die Kunst befeuert. So war auch der erste Weltkrieg und das Gefühl der totalen Sinnentleerung ein Grund für die Entstehung des Dadaismus. Und damit wurden die Ismen der Kunstgeschichte – Kubismus, Futurismus, Dadaismus, Surrealismus – zu sozialen Bewegungen, deren Errungenschaften das gesamte kulturelle Leben erfassten und auch beeinflussten.
Und heute? Nach der Post-, der Neo- und der Post-Post-Moderne hat jetzt der französische Kurator Nicolas Bourriaud auch noch die Altermoderne ausgerufen. Nichts weiter als eine Präfix-Polemik für gelangweilte Intellektuelle. Das Problem: Es gibt keine klaren Feindbilder mehr, an denen sich die Künstler abarbeiten könnten. Und es gibt auch keine sozialen Bewegungen mehr, denen man gerne angehören möchte. „Was die Politik anbetrifft, so betrachte ich sie als ein ungeheures Kunstwerk, gemalt mit Blut und Leid, Freuden und Gelüsten, und all dies kann mich nur inspirieren“, sagte der Situationist Asger Jorn noch 1952. Heute eint einzig ein diffuses Dagegen die Szene. Aber Kriege brauchen klare Fronten, eine dialektische Beziehung. Natürlich kann das Böse nicht ohne das Gute existieren. Aber wer ist hier eigentlich der Gute? Das traditionelle Gleichgewicht ist in eine Schieflage geraten, unentwirrbar miteinander verknüpft. Die großen Manifeste gehören der Vergangenheit an und die Künstler kämpfen heute alleine. Der Künstler wird zum Einzelkämpfer, zu einer ikonischen Rambo-Figur, der Street-Artist zum Held der Großstadt, der Politkünstler zur Ein-Mann-Armee im Kampf gegen die Kommerzialisierung des Kunstbetriebs.
Statt konkreter Feindbilder finden Künstler heute ihre Themen in den Konfliktfeldern des 21. Jahrhunderts: Gerade haben wir wieder einmal eine globale Finanzkrise überstanden, wir haben den Zusammenbruch der Finanzmärkte hautnah miterlebt und die negativen Auswirkungen des entfesselten Liberalismus. Wir leben in einer Welt, die nach dem 11. September 2001, zu einer umfassenden Überwachung aller geführt hat, in der durch die Rhetorik eines „Kampf gegen den Terror“ die Angst vor einer unbekannten Bedrohung omnipräsent ist und die durch Politik und Massenmedien noch weiter geschürt wird. Neue Formen von Ungerechtigkeit und Ungleichheit sind entstanden, der Kampf der Kulturen ist in vollem Gange und noch nie war die Macht der Religionen und der Zorn gegenüber anderen Religionen so groß. Es ist eine Welt, geprägt von ökologischem Defätismus: Der drohende Klimawandel gefährdet schon jetzt die gerechte Verteilung von sozialer Sicherheit und Ressourcen, aber trotzdem scheint dies die politischen Entscheidungsträger nicht weiter zu kümmern. Auch das Verhältnis zur Politik hat sich verändert: Die politischen Führer haben auf der ganzen Welt an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Wobei natürlich auch bereits die Negation der Politik eine politische Handlung ist. Aber wir haben uns an den Typus des Politiker-Bürokraten, der Politiker-Berühmtheit gewöhnt, und das Marketing hat die Kontrolle über die Politik übernommen. Auch die Medien, früher einmal als vierte Gewalt im Staat bezeichnet, haben an Glaubwürdigkeit und Macht verloren, weil drastische Sparzwänge auch zu drastischen Qualitätsdefiziten geführt haben. Investigativen Journalismus betreiben heute nicht mehr die Medien, sondern Hacker wie Julian Assange – oder Künstler.
Künstler reagieren auf all diese Defizite und schlüpfen in die unterschiedlichsten Rollen: Sie agieren in ihren Projekten auch als Journalisten, Stadtplaner, Philosophen, Architekten, Politiker, Umweltaktivisten, und als Aufklärer, Kommentatoren, Zeugen, Dokumentatoren, Mahner. Die Künstler zeigen in ihren Projekten Alternativen auf, zielen auf soziale, politische und ökonomische Missstände, sind oft radikal und asozial, spielen mit Grenzen und provozieren. Es geht dabei nicht um Konsens und Akzeptanz. Es geht um den Wunsch, politisch engagiert zu denken und zu handeln, die Kunst wird zu einer Form des Politik-Machens mit anderen Mitteln. Die Folge sind individuelle Strategien, die so unterschiedlich wie die Motive selbst sind: Man sieht den Kunstwerken die Einflüsse libertärer, anarchistischer, autonomer, ökologischer, feministischer, kommunistischer und humanistischer Ideen an. Viele hat die Taktik der Guerillakriege inspiriert: Es geht dann um Überraschungseffekte, Täuschungsmanöver und Desinformation, um Sabotage, Zweckentfremdung und Überidentifikation. Die Grenzen zwischen politisch-revolutionärer und künstlerisch-avantgardistischer Kunst sind dabei fließend: die Yes Men geben sich als Repräsentanten internationaler Konzerne aus und fälschten eine Ausgabe der „New York Times“, in der sie den Irakkrieg für beendet erklärten, der US-Künstler Trevor Paglen sammelt Aufnäher geheimer militärischer Sondereinheiten, das britische Kollektiv Dorothy produziert Kriegsinvaliden als Plastikspielzeug, die Voina-Gruppe (russisch für Krieg) provoziert die Regierung durch radikale Performances, und der Künstler Andreas Ullrich inszeniert mit Einkaufswägen antike Schlachtformationen vor Supermärkten.
„Politische Kunst ist die Kunst, die gemacht wird, wenn sie nicht in Mode ist und wenn es unbequem ist, sie zu machen: juridisch unbequem, gesellschaftlich unbequem, menschlich unbequem“, sagt die Künstlerin Tania Bruguera. Unbequem ist unbeliebt und manchmal auch strafbar. Die Trennlinie zum linksradikalen Terror ist dann manchmal nur noch sehr dünn – aber man darf nicht vergessen, dass sich politische Kunst dadurch auszeichnet, dass es sich um einen gewaltlosen, symbolischen „Terror“ handelt. Schon Greenpeace wusste, wie man mit gewaltfreien Interventionen und starken Bildern erfolgreich Botschaften transportiert – je plakativer und aggressiver, desto eher wurden die Aktionen in den Medien abgedruckt und warben so für die gute Sache. Durch die globalen Kommunikationsnetze und die Unmittelbarkeit der heutigen Medienwelt kann nun jeder für sich selbst werben. Durch Blogs, soziale Netzwerke, Foto- und Videoplattformen haben starke symbolische Aktionen oder selbst kleine, temporäre Interventionen die Möglichkeit, weltweit ein Echo auszulösen und Sympathisanten zu finden. Durch diese Demokratisierung und Amateurisierung von Information und Produktionsmitteln haben Staaten, Medien und Industrien an Macht und Autorität verloren und es haben sich zahlreiche temporäre autonome Zonen gebildet. Wobei die wenigsten wirklich reflektieren, welche neuen Abhängigkeitsverhältnisse bereits hinter den neuen Errungenschaften lauern: Die Konzerne der Zukunft sind Unternehmen wie Google, Apple oder Facebook, die mit ihren Services im Netz geschlossene Systeme aufbauen, die man schon jetzt mit Staaten, inklusive eigener Bevölkerung, Gesetzgebung und Kriegsführung, vergleichen kann. Das bedeutet aber auch: Die Feindbilder der Zukunft werden genau diese Konzerne sein. Und so wie früher Künstler die ausbeuterische Praxis der Sweatshops zu ihrem Thema machten, kritisieren heute Künstler wie Aram Bartholl, Evan Roth und Tobias Leingruber bereits die Datensammelwut und territorialen Besitzansprüche dieser Konzerne. Der Kampf geht also weiter.